Ivan Antonovic Jefremow

Das Mädchen aus dem All (1957-58)

Wissenschaftlich–phantastischer Roman

3. IM BANNE DER FINSTERNIS

Auf der breiten Skala der Kurssteuerung rückte der weiße Zeiger langsam, aber unaufhaltsam nach rechts — das Sternschiff umflog auf einer elliptischen Kurve den Eisenstern.

Zitternd vor Anstrengung und Schwäche, nahm Erg Noor, von Pel Lin gestützt, an der Rechenmaschine Platz.

"Ingrid, was ist ein Eisenstern?" fragte Keh Ber leise, der die ganze Zeit unbeweglich hinter der Astronomin gestanden hatte.

"Ein für uns unsichtbarer Stern der Spektralklasse T, wohl erloschen, aber noch nicht endgültig erkaltet. Er sendet langwellige Lichtstrahlen aus, die im Wärmebereich des Spektrums liegen — infrarote Strahlen —, und wird mit Hilfe des Elektroneninvensors erst in relativ geringem Abstand sichtbar. Eine Eule könnte ihn wahrnehmen, da sie infrarote Strahlen sieht."

"Weshalb heißt er aber Eisenstern?"

"Auf allen bisher erforschten Sternen ist Eisen in erheblich größerer Menge vorhanden als auf der Erde. Handelt es sich um einen großen Stern, sind Masse und Gravitationsfeld gewaltig … Ich fürchte, wir sind auf solch einen Stern gestoßen."

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"Und was nun?"

"Ich weiß nicht. Du siehst selbst, wir haben fast keinen Treibstoff mehr. Unser Schiff wird um den Stern einen Spirale beschreiben und sich ihm allmählich nähern … bis es auf ihn niedersaust!" Ingrid zuckte nervös mit den Schultern, und Keh Ber streichelte zärtlich ihre Hand.

Der Expeditionsleiter trat an das Steuerungspult. Alle schwiegen. Keiner wagte zu atmen. Es schwieg auch die eben erst erwachte Nisa Krit, die instinktiv die ganze Gefahr der Situation begriff. Es mochten drei Stunden vergangen sein, da wagte Erg Noor endlich den entscheidenden Schritt. Wieder erschütterte das unerträgliche Vibrieren der Anameson–Motoren die 'Tantra'. Der günstigste Zeitpunkt des Loslösens war bereits errechnet worden, daher hatte Erg Noor keinen Augenblick zögern dürfen, denn mit wachsendem Geschwindigkeitsverlust wurde es für das Sternenschiff immer schwieriger, dem Anziehungsbereich des Eisensterns zu entrinnen.

Die Fluggeschwindigkeit des Schiffes erhöhte sich, und die elliptische Bahn wurde steiler. Eine Stunde, eine zweite … der furchtbare braune Himmelskörper verschwand aus dem vorderen Bildschirm und verschob sich zum Seitenbildschirm. Doch noch immer hielt die Gravitation wie mit unsichtbaren Ketten das davoneilende Schiff. Eine dritte, eine vierte Stunde … da leuchteten über Erg Noors Kopf zwei rote Punkte auf. Er riß den Hebel herunter — die Triebwerke standen still.

"Entkommen!" flüsterte Pel Lin erleichtert. Erg Noor wandte ihm langsam den Blick zu und schüttelte den Kopf:

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"Das ist noch fraglich. Der Anameson–Vorrat ist zu Ende!"

"Was jetzt?"

"Warten! Jetzt kämpfen die Schwerkraft des Sterns und die Geschwindigkeit der 'Tantra' miteinander."

Erg Noor lehnte sich im Sessel zurück und ließ die Hände sinken. Die Menschen schwiegen, nur die Geräte summten leise. Eine andere, disharmonische, drohend anmutende Melodie flocht sich in das Lied der Steuerungsapparate. Der Ruf des Eisensterns, die Kraft seiner schwarzen Masse, die das an Geschwindigkeit einbüßende Schiff festhielt, war beinahe körperlich zu spüren.

Nisa Krits Wangen brannten, und ihr Herzschlug schneller. Unerträglich schien ihr das müßige Warten.

Langsam verrannen die Stunden. Im Zentralposten hatten sich alle vierzehn Expeditionsmitglieder eingefunden.

Der Flug der 'Tantra' war zu stark verlangsamt worden, als daß sie vom Eisenstern wegkommen konnte. Den Kampf wieder aufzunehmen, war das Sternschiff nicht imstande. Immer weiter wurde die 'Tantra' vom Kurs abgelenkt, bis sie auf der ersten weiten Schleife der unerbittlichen Spirale dahinjagde. Das Schicksal der 'Tantra' war jedem klar.

Ein Stöhnen ließ alle zusammenfahren. Der Astronom Pur Hiss sprang auf und fuchtelte mit den Armen herum. Furcht, Todesangst und Rachgier verzerrten das Gesicht des Wissenschaftlers.

"Er, er ist schuld!" schrie Pur Hiss und zeigte auf Pel Lin. "Idiot, Holzkopf, hirnloser Wurm…" Der Astronom schluckte und suchte nach längst in

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Vergessenheit geratenen Flüchen der Urahnen. Nisa, die neben ihm stand, wandte sich angeekelt ab. Da erhob sich Erg Noor.

"Den Navigator zu verurteilen führt zu nichts. Die Zeiten sind vorbei, wo Fehler absichtlich begangen werden konnten. Und in diesem Falle", Noor drehte an den Schaltern der Rechenmaschine, "beträgt, wie sie sehen, die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler dreißig Prozent. Zieht man noch die Erschütterungen durch das Schaukeln des Sternschiffs in Betracht, so hätten Sie, Pur Hiss, dessen bin ich sicher, den gleichen Fehler begangen!"

"Und Sie?" schrie der Astronom wütend.

"Ich — nein. Während der sechsunddreißigsten Sternenexpedition hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Ich trage die größte Schuld: Ich hoffte, das Sternschiff in dem noch unerforschten Raum selbst zu steuern, und habe nicht alles im vorhinein bedacht, sondern mich nur auf eine einfache Instruktion beschränkt."

"Sie konnten doch nicht wissen, daß wir ohne Sie in diesen Bereich geraten würden!" rief Nisa.

"Ich hätte es wissen müssen", antwortete Erg Noor fest, "aber es verlohnt sich nur auf der Erde darüber zu sprechen."

"Auf der Erde!" heulte Pur Hiss. Und selbst Pel Lin machte ein betretenes Gesicht. "Wie können Sie so reden, wo alles verloren ist und nichts als der Tod vor uns liegt."

"Nein, vor uns liegt nicht der Tod, sondern ein großer Kampf", antwortete Erg Noor entschlossen.

Nisa wechselte mit ihm ein Lächeln voll Freude — trotz der ganzen Hoffnungslosigkeit des Augenblicks.

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"Zweifellos hat der Stern einen Planeten, vermutlich sogar zwei. Die Planeten sind groß und besitzen folglich eine Atmosphäre. Wir sind aber nicht gezwungen zu landen, denn wir haben einen großen Vorrat an festem Sauerstoff." Erg Noor verstummte, um sich zu sammeln. "Wir werden zu einem Satelliten des Planeten, indem wir um ihn unsere Flugbahn beschreiben. Wenn sich die Atmosphäre des Planeten als geeignet erweist, werden wir landen und Hilfe herbeirufen", fuhr er fort, "im Laufe eines halben Jahres werden wir die Richtung berechnen, die Ergebnisse unserer Forschungen von der Sirda durchgeben, ein Hilfsschiff herbeirufen und uns und das Schiff retten können…"

"Falls die Rettung gelingt!", warf Pur Hiss in aufkeimender Freude ein.

"Ja, falls die Rettung gelingt!" stimmte Erg Noor zu. "Das ist ein klares Ziel, und wir müssen alles daransetzen, es zu erreichen. Pur Hiss und Ingrid, Sie führen die Beobachtungen durch und berechnen die Größe der Planeten; Keh Ber und Nisa, Sie errechnen aus der Masse der Planeten ihre Schwerkraft und daraus die notwendige Fluggeschwindigkeit und den optimalen Radius."

Für alle Fälle trafen die Forscher Vorbereitungen zur Landung. Der Biologe, der Geologe und die Ärztin machten eine Erkundungsstation — einen Roboter — zum Abwurf fertig, die Mechaniker überprüften die Landepeilgeräte und montierten einen kleinen Satelliten zur Nachrichtenübermittlung von der Oberfläche des Planeten.

Nach dem ausgestandenen Schrecken und der Hoffnungslosigkeit ging die Arbeit besonders schnell voran. Sie wurde nur dann unterbrochen,

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wenn das Sternschiff durch Gravitationswirbel ins Schaukeln geriet. Doch die 'Tantra' hatte ihre Geschwindigkeit bereits so stark vermindert, daß die Erschütterungen die Besatzung nicht mehr gefährdeten.

Pur Hiss und Ingrid stellten die Existenz zweier Planeten fest. Der äußere war ein riesiger, kalter Planet, umgeben von einer mächtigen, wahrscheinlich giftigen Atmosphäre, die der Expedition den Tod bringen konnte. Solche furchtbaren Riesenplaneten gab es auch im Sonnensystem — Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun.

Die 'Tantra' näherte sich unaufhaltsam dem Stern. Nach neunzehn Tagen hatten Pur Hiss und Ingrid die Ausmaße des inneren Planeten bestimmt; er war größer als die Erde. Da sich der Planet sehr nahe an seiner eisernen Sonne befand, umkreiste er sie mit rasender Geschwindigkeit; sein Jahr dauerte kaum länger als zwei Erdmonate. Der unsichtbare Stern T erwärmte ihn mit seinen infraroten Strahlen wahrscheinlich stark genug, so daß bei Vorhandensein einer Atmosphäre dort Lebewesen existieren konnten. In diesem Fall würde eine Landung ganz besonders gefährlich sein, denn Leben, das auf anderen Planeten unter anderen Entwicklungsbedingungen entstanden war, das aber gleiche Eiweißverbindungen entwickelt hatte, war für Erdbewohner von äußerst schädlicher Wirkung. Die Schutzstoffe, welche die Organismen auf unserem Planeten in Millionen von Jahrhunderten herausgebildet hatten, waren gegen andersgeartetes Leben auf anderen Planeten wirkungslos. Furchtbare Krankheiten und Epidemien gingen mit den ersten Erforschun–

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gen bewohnbarer, aber unbesiedelter Planeten einher. Deshalb trafen auch die von denkenden Wesen besiedelten Welten viele Vorkehrungen, bevor sie die direkte Sternschiffverbindung zu anderen Gestirnen aufnahmen. Auf unsere Erde, die von den zentralen, bewohnten Zonen der Galaxis weit entfernt liegt, waren bisher noch keine Gäste von Planeten anderer Sternsysteme, noch keine Vertreter anderer Zivilisationen gekommen. Der Rat für Sternenfahrt hatte erst vor kurzem die Vorbereitungen für die Aufnahme von Freunden naher Sterne aus dem Sternbild des Schlangenträgers, des Schwans und des Paradiesvogels abgeschlossen.

Erg Noor, über ein eventuelles Zusammentreffen mit Lebewesen besorgt, ordnete an, aus den Lagern biologische Schutzmittel bereitzuhalten, mit denen er die Expedition in der Hoffnung, zur Wega zu gelangen, ausreichend versorgt hatte.

Endlich war der entscheidende Augenblick gekommen: Die 'Tantra' hatte ihre Fluggeschwindigkeit der des inneren Planeten des Eisensterns angeglichen und umkreiste ihn. Die verschwommene graubraune Oberfläche des Planeten, richtiger gesagt seiner Atmosphäre, ließ sich nur im Elektroneninvensor sichtbar machen. Alle Expeditionsmitglieder hatten ihre Plätze an den Geräten eingenommen.

"Die Umdrehung um die Achse dauert annähernd zwanzig Tage!"

"Die Peilgeräte bestätigen das Vorhandensein von Wasser und Festland."

"Die Höhe der Atmosphäre beträgt tausendsiebenhundert Kilometer."

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"Genaue Masse: das 3,2fache der Erdmasse."

Eine nach der andern erfolgten die Angaben. Erg Noor faßte die Zahlen zusammen, deren Angabe er für die Berechnung der Flugbahn benötigte. Der Planet war sehr groß. Seine Schwerkraft würde das Schiff an den Boden heften. Die Menschen könnten sich nur wie hilflose Kriechtiere bewegen.

Der Expeditionsleiter entsann sich der schauerlichen Erzählungen über Sternschiffe, die aus verschiedenen Gründen auf Riesenplaneten gelandet waren. Das Heulen der Motoren und das krampfartige Erbeben des Schiffes, das, unfähig, sich vom Boden zu erheben, an er Planetenoberfläche klebte und und vom eigenen Gewicht zerquetscht wurde … Unbeschreiblich dieses Grauen, das aus dem abgerissenen Stöhnen der letzten Meldungen und der Abschiedsendungen sprach…

Der Besatzung der 'Tantra' drohte dieses Schicksal nicht, solange das Schiff den Planeten umkreiste. Müßte es aber auf seiner Oberfläche landen, dann würden nur sehr kräftige Menschen in der Lage sein, die Schwere ihres eigenen Gewichts in dieser künftigen Zufluchtsstätte zu schleppen, einer Zufluchtsstätte, an der sie vielleicht Jahrzehnte bleiben müßten… Würden sie unter diesen Bedingungen durchhalten? Unter der Last der erdrückenden Schwere, im ewigen Dunkel der ultravioletten Sonne, in der dichten Atmosphäre. Dennoch bedeutete das nicht den Tod, es bestand Hoffnung auf Rettung, und außerdem bestand keine andere Wahl!

Die 'Tantra' zog ihre Bahn dicht über der Atmosphäre. Die Mitarbeiter der Expedition durften die Gelegenheit nicht versäumen, diesen völlig

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unbekannten Planeten, der sich verhältnismäßig nahe der Erde befand, zu untersuchen. Die beleuchtete, besser gesagt erwärmte Seite des Planeten unterschied sich von der Schattenseite nicht allein durch eine bedeutend höhere Temperatur, sondern auch durch gewaltige Anhäufungen von Elektrizität, die sogar die Peilgeräte störte, deren Angaben völlig verzerrt wurden. Erg Noor beschloß, den Planeten mit Hilfe von Abwurfstationen zu erforschen. Sie warfen eine physikalische Station ab. Bald kam das verblüffende Resultat. Der Automat meldete das Vorhandensein von freiem Sauerstoff in den unteren Schichten einer Krypton–Stickstoff–Atmosphäre, das Vorhandensein von Wasserdämpfen und eine Temperatur von zwölf Grad Wärme. Diese Bedingungen ähneltem im allgemeinen denen der Erde. Lediglich der Druck der dichten Atmosphäre überstieg den normalen Druck auf der Erde um das 1,3fache.

"Hier kann man leben!" sagte der Biologe mit einem Anflug von Lächeln, als er dem Expeditionsleiter die Meldungen der Station übergab.

"Wenn für uns die Möglichkeit besteht, werden dort gewiß schon Lebewesen existieren", erwiderte Erg Noor.

Als das Sternschiff zur fünfzehnten Umrundung des Planeten ansetzte, wurde eine Abwurfstation mit einem leistungsfähigen Fernsehsender vorbereitet. Doch die zweite physikalische Station, die auf der Schattenseite abgeworfen worden war, als sich der Planet um hundertzwanzig Grad gedreht hatte, war verschwunden, ohne ein einziges Signal zu geben.

"Sie ist im Ozean versunken!" konstatierte die Geologin ärgerlich.

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"Dann müssen wir die Oberfläche mit dem Hauptpeilgerät abtasten, bevor wir den Fernsehroboter abwerfen."

Ein Bündel gelenkter Radiostrahlen aussendend, jagte die 'Tantra' um den Planeten und tastete die Konturen der Kontinente und Meere ab. Es markierten sich die Umrisse eines riesigen Flachlandes, das entweder in einen Ozean hineinragte oder zwei Ozeane fast am Äquator des Planeten voneinander trennte. Das Sternschiff führte den Peilstrahl in einer Zickzacklinie und erfaßte damit einen Streifen von zweihundert Kilometer Breite. Plötzlich flammte der Bildschirm des Peilgerätes für den Bruchteil einer Sekunde hell auf. Ein Pfeifen, das an den Nerven zerrte, bestätigte, daß es keine Halluzination war.

"Metall!" rief die Geologin. "Eine offene Lagerstätte!"

Erg Noor schüttelte den Kopf.

"Wie kurz auch das Aufflammen war, konnte ich doch festumrissene Konturen erkennen. Das ist entweder ein großer Klumpen Metall, ein Meteorit, oder…"

"Ein Schiff?" warfen Nisa und der Biologe gleichzeitig ein.

"Hirngespinste!" schnitt Pur Hiss das Gespräch ab.

"Vielleicht ist es wirklich so", entgegnete Erg Noor.

"Es hat ohnehin keinen Zweck, zu streiten", sagte Pur Hiss. "Es läßt sich nicht nachprüfen, denn wir werden ja nicht landen."

"Wir werden es in drei Stunden überprüfen, wenn wir wieder zu diesem Flachland kommen. Geben Sie Obacht, der Metallkörper befindet sich

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auf einer Ebene, die auch ich als Landeplatz wählen würde… Wir werfen die Fernsehstation genau dort ab. Stellen Sie den Strahl des Peilgerätes auf sechs Sekunden."

Der vom Expeditionsleiter vorgeschlagene Plan gelang, und nach dem Abwurf begann die 'Tantra' erneut den dreistündigen Flug um den Planeten. Als sie sich dieser Stelle wieder näherte, empfing sie die Sendungen des Fernsehroboters. Gespannt blickten alle auf den Bildschirm. Wie ein menschliches Auge nahm der Sehstrahl die Konturen der Gegenstände dort unten in dem bodenlosen Dunkel auf. Keh Ber stellte sich deutlich vor, wie der leuchtturmähnliche Kopf der Station kreise. In dem vom Strahl des Automaten beleuchteten Gebiet traten die Umrisse niedriger Schluchten, Hügel und die schwarzen Windungen von Rinnen hervor. Plötzlich huschte gespensterhaft ein fischförmiger Körper vorüber, doch schon war er wieder in der Finsternis verschwunden.

"Ein Sternschiff!" riefen mehrere zugleich. Die 'Tantra' entfernte sich von dem Fernsehroboter, und der Bildschirm erlosch. Der Biologe Eon Tal fixierte bereits den Streifen der Elektronenaufnahme. Mit vor Ungeduld zitternden Fingern legte er ihn in den Projektor.

Die bekannten schnittigen Konturen des Bugteils, das sich verbreiternde Heck… wie unwahrscheinlich dieser Anblick, dieses undenkbare, unmögliche Treffen auf dem Planeten der Finsternis auch sein mochte — tatsächlich war es ein Sternschiff der Erde! Unversehrt stand es auf die gewaltigen Ständer gestützt, in normaler, horizontaler Landestellung, als habe es eben erst auf dem Planeten des Eisensterns aufgesetzt.

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Während die 'Tantra' ihre schnellen Kreise zog, schickte sie Signale hinunter, die jedoch unbeantwortet blieben. Mehrer Stunden vergingen. Im Zentralposten hatten sich wieder alle vierzehn Expeditionsteilnehmer eingefunden. Erg Noor, der in seine Gedanken vertieft gewesen war, erhob sich nun und sagte:

"Ich schlage vor zu landen. Vielleicht brauchen unsere Brüder Hilfe; vielleicht ist ihr Schiff beschädigt und kann nicht zur Erde zurückkehren. Dann könnten wir von ihnen Anameson übernehmen und dadurch sie und uns zugleich retten."

"Und wenn auch sie wegen Anameson–Mangels hier landen mußten?" gab Pel Lin zu bedenken.

"Dann müssen sie auf alle Fälle noch Ionenladungen haben, denn das Schiff ist richtig gelandet. Die könnten wir benutzen, um wieder zu starten. Während wir dann auf der Flugbahn kreisen, könnten wir die Erde rufen und auf Hilfe warten. Das würde, falls es uns gelingt, zehn Jahre dauern."

"Trotzdem bleibt die Landung auf dem schweren Planeten ein Risiko, und wir riskieren, dort bleiben zu müssen", brummte Pur Hiss. "Der Gedanke an diese Welt der Finsternis ist furchtbar."

"Das Risiko bleibt natürlich. Doch die Bedingungen sind nicht so schlecht! Wenn nur das Schiff nicht beschädigt wird."

Erg Noor warf einen Blick auf das Zifferblatt des Geschwindigkeitsreglers. Einen Augenblick blieb der Expeditionsleiter vor den Steuerungshebeln und Schaltern stehen. Die Finger seiner großen Hände zuckten, das Gesicht war wie aus Stein.

Nisa trat neben ihn, nahm seine rechte Hand und legte sie an ihre vor Erregung brennende

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Wange. Erg Noor nickte dankbar, strich dem Mädchen über das üppige Haar und richtete sich auf.

"Wir begeben uns in die unteren Atmosphärenschichten und schreiten zur Landung!" sagte er laut, während er das Signal einschaltete. Ein Heulen durchdrang das Schiff, die Menschen eilten an ihre Plätze und schnallten sich in den hydraulischen Sitzen fest. Die Ionentriebwerke brummten auf, und das Sternenschiff jagte den Felsen und Ozeanen des unbekannten Planeten entgegen. Die Peilgeräte und und infraroten Reflektoren tasteten sich durch das Dunkel, die roten Lämpchen auf dem Höhenmesser zeigten die gewünschte Höhe von fünfzehntausend Metern an. Über zehn Kilometer hohe Berge waren auf dem Planeten nicht zu erwarten. Das Wasser im Verein mit der Wärme der schwarzen Sonne arbeitete ebenso wie auf der Erde am Abschleifen der Oberfläche.

Beim ersten Rundflug konnten auf dem größten Teil des Planeten nur unbedeutende Erhebungen festgestellt werden, ein wenig höher als auf dem Mars.

Erg Noor stellte den Höhenbegrenzer auf dreitausend Meter und schaltete die starken Scheinwerfer ein. Unter dem Sternschiff erstreckte sich ein riesiger Ozean. Schwarze Wellen schlugen hoch und stürzten über unbekannte Tiefen wieder zusammen.

Kurz darauf nahm das glänzende Schwarz des Wassers eine matte Tönung an — das Festland begann. Die Strahlung der Scheinwerfer pflügten in die Mauern der Finsternis eine schmale Bahn. Auf ihr hoben sich unvermutet Farbflecke ab: bald gelblicher Sand, bald graugrünes Felsgestein.

Die 'Tantra' raste über den Kontinent dahin.

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Endlich fand Erg Noor die Ebene wieder. Sie lag so niedrig, daß mansie nicht als Hochplateau bezeichnen konnte. Es war aber offensichtlich, daß Fluten und Stürme des dunklen Meeres die Ebene nicht zu erreichen vermochten, da sie ungefähr hundert Meter über dem anderen Teil des Festlandes lag.

Das vordere Backbord–Peilgerät gab einen Pfeifton von sich. Die 'Tantra' bahnte sich mit den Scheinwerfern ihren Weg. Jetzt war das andere Sternschiff deutlich zu erkennen. Die Verkleidung seines Bugteiles aus kristallisch umgebildetem Anisotrop–Iridium funkelte im Scheinwerferlicht wie neu. Weder Bauten noch Lichter sah man in der Nähe des Schiffes; dunkel und leblos stand es da, ohne auf das Näherkommen seines Zwillingsbruders zu reagieren. Die Scheinwerferstrahlen glitten weiter. Plätzlich wurden sie wie von einem blauen Spiegel von einer hochkant stehenden kolossalen Scheibe zurückgeworfen, die zu einem Teil im schwarzen Boden eingesunken war. Für einen Augenblick schien es den Beobachtern, als ragten hinter der Scheibe Felsen empor, doch weiter hinten verdichtete sich die undurchdringliche Finsternis, dort befand sich wahrscheinlich eine Schlucht oder ein Abhang.

Die 'Tantra' ließ ein ohrenbetäubendes Heulen vernehmen. Erg Noor wollte möglichst nah am Sternschiff landen. Deshalb warnte er mit diesem Signal die Menschen, die sich gegebenenfalls in der Todeszone befinden konnten, die ungefähr tausend Meter im Umkreis um den Landeplatz betrug. Sogar innen im Schiff war das laute donnern der Ionenmotoren zu hören. Die Bildschirme zeigten eine Wolke glühender Staubteilchen.

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Der Fußboden kippte vorn in die Höhe. Lautlos glitten die Sessel in den hydraulischen Scharnieren lotrecht nach hinten. Die gigantischen Federstützen sprangen aus dem Rumpf und fingen den ersten Aufprall gegen den Boden der fremden Welt ab. Einige Stöße noch — und die 'Tantra' war gelandet. Erg Noor schaltete die Federstützen ab. Langsam glitt das Sternschiff nach vorn über und hatte bald seine frühere horizontale Lage wieder eingenommen. Die Landung war beendet. Sie rief im menschlichen Organismus wie üblich eine starke Erschütterung hervor. Wie nach einer schweren Krankheit konnten sich die Menschen kaum erheben. Der unermüdliche Biologe jedoch hatte bereits der Atmosphäre eine Probe entnommen.

"Für unsere Atmung geeignet", teilte er mit. "Gleich nehme ich ich die mikroskopische Untersuchung vor."

"Das ist unnötig", widersprach Erg Noor, während er die Gurte des Landesessels löste. "ohne Skaphander dürfen wir das Schiff nicht verlassen. Hier können außerordentlich gefährliche Sporen und Viren existieren."

In der Schleusenkajüte am Ausgang lagen leichte biologische Skaphander und sogenannte "springende Skelette" bereit — stählerne Gestelle mit einem Elektromotor, mit Sprungfedern und Stoßdämpfern für die Fortbewegung bei allzu großer Schwerkraft. Diese Skelette wurden über die Skaphander gezogen.

Alle konnten es kaum erwarten, nach sechs Jahren Irrfahrt im kosmischen Raum wieder Boden unter den Füßen zu fühlen, wenn auch fremden. Keh Ber, Pur Hiss, Ingrid, die Ärztin Luma und zwei Mechaniker jedoch mußten im Sternschiff

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bleiben, um den Dienst am Radio, an den Scheinwerfern und den Geräten zu versehen.

Acht der Expeditionsteilnehmer versammelten sich in der Schleusenkammer und warteten.

"Luft einschalten!" Erg Noor gab seinen Befehl an die im Schiff Verbliebenen, von denen sie bereits eine undurchdringliche Wand trennte.

Erst nachdem der Druck in der Kammer bedeutend größer war als draußen, vermochten die hydraulischen Winden die fest angepresste Tür zu öffnen. Durch den Überdruck in der Kammer wurden die acht Forscher beinah hinausgeschleudert, was gleichzeitig verhinderte, daß Schädliches von der Außenwelt eindrang. Der Scheinwerferstrahl bahnte einen hellen Weg, auf dem sich die Forscher mit ihren "federnden Beinen" entlangbewegten, wobei sie kaum ihre schweren Körper aufrecht halten konnten. Am Ende der Lichtbahn ragte das Riesenschiff auf. Ihre Ungeduld war so groß, und bei den ungelenkten Sprüngen auf dem unebenen, mit kleinen Steinen übersähten Boden wurden die Forscher so durchgeschüttelt, daß die anderthalb Kilometer kein Ende zu nehmen schienen.

Durch die dichte, mit Feuchtigkeit gesättigte Atmosphäre blinzelten die Sterne als blasse, verschwommene Flecke.

Die ringsum herrschende Finsternis ließ das Schiff äußerst plastisch hervortreten. Die dicke Schicht Silikat–Zirkonium–Farbe an der Wandung war stellenweise stark abgeschrammt; wahrscheinlich war das Sternschiff lange im Kosmos umhergeirrt.

Eon Tal stieß einen Ruf aus, der sich auf alle Helmtelefone übertrug. Er wies mit der Hand auf eine offene Tür, die wie ein schwarzes Loch

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gähnte, und auf einen kleinen Lift. Neben dem Lift und unter dem Schiff wuchsen Pflanzen. Die dicken Stengel trugen schwarze parabolische Schalen, die Blüten oder auch Blätter sein konnten und deren Ränder wie Zahnräder gezackt waren; sie waren ungefähr einen Meter hoch. Diese vielen schwarzen, unbeweglichen Zahnräder machten einen äußerst bedrohlichen Eindruck. Die ungestört wuchernden Pflanzen und die offene Tür wiesen daruf hin, daß Menschen schon seit langem diesen Weg nicht mehr benutzt hatten und ihre kleine irdische Welt nicht schützten.

Erg Noor, Eon Tal und Nisa Krit stiegen in den Lift, und der Expeditionsleiter drückte den Knopf. Der Fahrstuhl funktionierte. Im Nu befanden sich die drei Forscher in der weit offenstehenden Transitkammer. Dann folgten die anderen. Erg Noor bat die 'Tantra', den Scheinwerfer auszuschalten. Augenblicklich verlor sich die kleine Menschengruppe in der bodenlosen Finsternis. Die Welt der eisernen Sonne schloß sich dicht um sie, als wolle sie das schwache Fünkchen irdischen Lebens ersticken, das auf dem riesigen dunklen Planeten aufgetaucht war.

Die Forscher schalteten die an den Helmen befestigten rotierenden Leuchtstäbe ein. Die Tür vom Transitraum zum Schiff war zu, jedoch nicht verschlossen und gab leicht nach. Die Expeditionsteilnehmer betraten den mittleren Korridor, wo sie sich leicht orientieren konnten, denn die Konstruktion des Sternschiffes unterschied sich von der 'Tantra' nur unwesentlich.

"Das Schiff wurde vor einigen Jahrzehnten gebaut", meinte Erg Noor zu Nisa. Das Mädchen wandte sich ihm zu.

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"Ein absurder Gedanke", fuhr Erg Noor fort, "wenn das. . ."

". . . wenn das die 'Parus' ist!" vollendete Nisa.

Der Erkundungstrupp drang in den Hauptraum des Schiffes vor — in die Laborbibliothek — und von dort zum zentralen Steuerungsposten. Der Expeditionsleiter schwankte in seinem skelettartigen Panzer, stieß gegen die Wände und erreichte schließlich den Hauptschalter. Die Schiffsbeleuchtung war eingeschaltet, aber ohne Strom. In den dunklen räumen leuchteten lediglich die phosphoreszierenden Zeiger und Zeichen. Erg Noor fand den Schalter für die Notbeleuchtung, und mattes Licht flammte auf. Anscheinend leuchtete es auch im Lift, denn über die Helmtelefone erklang die Stimme von Pur Hiss, der sich nach dem Verlauf der Untersuchung erkundigte. Die Geologin antwortete ihm, da Erg Noor wie gebannt an der Schwelle des Zentralpostens verharrte. Nisa folgte seinem Blick und entdeckte oben zwischen den vorderen Bildschirmen in der Sprache der Erde und dem Code des Großen Rings das Wort 'Parus'. Darunter standen die galaktischen Rufzeichen der Erde und die Koordinaten des Sonnensystems.

Somit war das vor achtzig Jahren spurlos verschwundene Sternschiff in dem bisher unbekannten System, das man lange Zeit nur für einen Dunkelnebel gehalten hatte, wiedergefunden worden.

Die Besichtigung der Räume des Sternschiffes ergab nichts über den Verbleib seiner Insassen. Die Sauerstoffbehälter waren nicht leer, und die Vorräte und Verpflegung hätten noch für einige Jahre gereicht. Aber nirgends war eine Spur von der 'Parus'–Besatzung zu finden.

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In den Korridoren, im Zentralposten und in der Bibliothek waren an mehreren Stellen seltsame dunkle Schleimspuren zu sehen. Auf dem Fußboden der Bibliothek war ein Fleck. Es sah aus, als wäre hier eine vergossene Flüssigkeit eingetrocknet. Im Maschinenposten des Hecks hingen vor der aufgestoßenen Tür des hinteren Schotts abgerissene Leitungen herab, und die massiven Ständer der Kühlanlage aus phosphorhaltiger Bronze waren stark verbogen. Da das Schiff im übrigen völlig unversehrt war, blieben diese Beschädigungen, die von einer großen Zerstörungskraft zeugten, unverständlich. Die Forscher zermarterten sich die Köpfe, fanden aber nichts, was das Verschwinden der Besatzung hätte erklären können.

Nebenbei machten sie eine andere, sehr wichtige Entdeckung: Die Vorräte an Anameson und Ionenladungen im Schiff waren groß genug, um den Start der 'Tantra' vom schweren Planeten und die Reise zur Erde durchzuführen. Jetzt stand die schwierige Arbeit des Umladens des Anamesons bevor. Die Aufgabe war schon an und für sich nicht leicht, aber hier, auf dem Planeten mit dreifacher Schwere, wurde sie zu einer Arbeit, die hohe technische Erfindungsgabe erforderte. Aber die Menschen in der Epoche des Rings schreckten nicht vor schwierigen geistigen Aufgaben zurück.

Im Zentralposten entnahm der Biologe dem Magnetofon eine halbbesprochene Spule des Bordbuchs. Erg Noor öffnete mit der Geologin den fest verschlossenen Hauptsafe, in dem die Expeditionsergebnisse der 'Parus' aufbewahrt wurden. Die Forscher beluden sich mit den vielen Rollen von Photon–Magnet–Filmen, mit den Tagebüchern, astronomischen Beobachtungen und Berechnungen.

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Ihr Forschergeist ließ es nicht zu, diesen so wertvollen Schatz auch nur für kurze Zeit liegenzulassen.

Übermüdet trafen die Kundschafter wieder in der 'Tantra' ein, wo sie von den vor Ungeduld fiebernden Gefährten erwartet wurden. Hier, in der gewohnten Atmosphäre, an den bequemen Tischen, unter dem hellen Licht, waren die grabesähnliche Finsternis der Umwelt und das tote verlassene Sternschiff nicht mehr als ein Alptraum. Nur der Druck der Schwerkraft dieses furchtbaren Planeten lastete auf jedem einzelnen und wich nicht eine Sekunde. Bei der kleinsten Bewegung verzog bald der eine, bald der andere der Forscher vor Schmerz das Gesicht. Ohne große Übung war es schwer, seinen Körper den Bewegungen der Mechanismen des "stählernen Skeletts" anzupassen. Selbst von einem kurzen Marsch kehrten die Menschen entkräftet zurück.

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Inhalt

1. Der eiserne Stern (5-38)
2. Das Mädchen vom Planeten des Epsilonsterns im Tukan (39-64)
3. Im Banne der Finsternis (65-104)
4. Die Sinfonie in f-Moll (105-122)
5. Die roten Wellen (123-151)
6. Die Legende der blauen Sonnen (152-180)
7. Der Rat für Sternenfahrt (181-220)
8. Der Andromedanebel (221-253)

Index

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Last update Tuesday, March 25, 2008

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