Ivan Antonovic Jefremow

Das Mädchen aus dem All (1957-58)

Wissenschaftlich–phantastischer Roman

4. DIE SINFONIE IN f–MOLL

Auf dem Dach des Gebäudes ragte ein Teleskoprohr auf, das von acht Halbkugeln auf einem Metallring gekrönt wurde. Die mächtigen Akkorde der Weltinformation erfüllten das Zimmer.

"Die Erörterung des von der Akademie für gelenkte Strahlungen eingebrachten Projektes über die völlige Ersetzung der Druckschrift durch Elektronenband", begann der Mann auf dem Bildschirm, "wird fortgesetzt. Das Projekt findet keine allseitige Unterstützung. Der Haupteinwand ist die Kompliziertheit der Leseapparate. Das Buch würde aufhören, dem Menschen ein Freund zu sein, der ihn überallhin begleitet. Wahrscheinlich wird das Projekt trotz aller scheinbaren Vorteile abgelehnt werden!"

"Da haben sie lange diskutiert!" bemerkte Dar Veter. "Auf der einen Seite die verlockend einfache Möglichkeit der Bandaufnahme, auf der anderen die Schwiergkeit des Lesens..."

Der Sprecher auf dem Bildschirm fuhr fort:

"Die gestrige Nachricht bewahrheitet sich, die siebenunddreißigste Sternenexpedition hat sich gemeldet. Sie kehrt" — Dar Veter erstarrte, vom

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Ansturm widersprechender Gefühle benommen. Er sah Weda Kong an. Seinem feinen Ohr entging nicht ihr stoßweiser Atem. — "aus der Richtung des Quadrats vierhunderteins zurück; soeben hat das Schiff das Minusfeld in drei hundertstel Parsek Entfernung von der Bahn des Pluto verlassen. Die Verspätung der Expedition ist auf das Zusammentreffen mit einer schwarzen Sonne zurückzuführen. Menschenleben sind nicht zu beklagen! Die Geschwindigkeit des Schiffes", sagte abschließend der Sprecher, "beträgt fünf Sechstel der Lichtgeschindigkeit. Die Expedition wird nach unseren Berechnungen in dreiundvierzig Tagen auf der Station Tetra eintreffen. Informationen über hervorragende Entdeckungen sind zu erwarten."

Alle umringten Weda und beglückwünschten sie. Weda lächelte. Auch Dar Veter näherte sich ihr. Sie fühlte den festen Druck der ihr so vertraut gewordenen Hand und begegnete seinem offenen Blick. Und sie wußte, daß er jetzt auf ihrem Antlitz nicht nur Freude las.

Dar Veter ließ still ihre Hand sinken, lächelte auf seine Art und trat beiseite. Weda blieb im Kreise der anderen, beobachtete aber Dar Veter von der Seite. Sie sah, wie Ewda Nal zu ihm trat und sich eine Minute später auch Ren Boos dazugesellte.

"Wir müssen Mwen Mass suchen, er weiß ja noch von nichts!" rief Dar Veter, als wäre ihm das plötzlich eingefallen. "Begleiten Sie mich doch, Ewda. Auch Sie, Ren."

"Ich komme ebenfalls mit", sagte Tschara Nandi, "ich möchte noch ein wenig an die Luft."

Sie schritten dem leisen Plätschern der Wellen entgegen. Dar Veter blieb stehen und seufzte tief,

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das Gesicht dem kühlen Wind zugewandt. Als er sich umdrehte, traf er Ewda Nals Blick.

"Ich fahre gleich von hier aus weg", antwortete er auf ihre stumme Frage. Eine Zeitlang schritten alle schweigend weiter.

"Wo ist denn ihr Feund?" Tschara blieb am Wasser stehen.

Dar Veter blickte sich suchend um und bemerkte im hellen Mondlicht deutliche Fußspuren auf dem nassen Sand.

Auf einem Felsbrocken gewahrten sie plötzlich Mwen Mass' Riesenfigur. Er war eben dem Meer entstiegen, und sein nasser Körper glänzte im Mondenschein wie polierter schwarzer Marmor.

Mwen Mass bemerkte die Näherkommenden, sprang vom Felsen und kam kurz darauf angekleidet wieder zum Vorschein. In wenigen Worten erzählte ihm Dar Veter, was sich ereignet hatte. Und Mwen Mass äußerte den Wunsch, unverzüglich Weda Kong zu sehen.

"Gehen Sie mit, Tschara", meinte Ewda, "wir bleiben noch ein wenig hier."

Dar Veter winkte zum Abschied, und über Mwen Mass' Gesicht glitt ein Ausdruck des Verstehens.

Dar Veter und Ewda wanderten bis zum Kap, das die Bucht vom offenen Meer trennte. Hier wurden die Lichter einer See–Forschungsplattform sichtbar.

Dar Veter warf die Kleider ab und wand sie sich um den Kopf wie einen breiten Turban. Er stand vor Ewda im Wasser, noch massiger und mächtiger als Mwen Mass. Ewda stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte den scheidenden Freund.

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Inhalt

1. Der eiserne Stern (5-38)
2. Das Mädchen vom Planeten des Epsilonsterns im Tukan (39-64)
3. Im Banne der Finsternis (65-104)
4. Die Sinfonie in f-Moll (105-122)
5. Die roten Wellen (123-151)
6. Die Legende der blauen Sonnen (152-180)
7. Der Rat für Sternenfahrt (181-220)
8. Der Andromedanebel (221-253)

Index

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