"Spiel mal was Anständiges!" — Als DJ im Oldenburger Land unterwegs


1. Der Anfang: das Tiffany
2. Zwischen Anspruch und Kommerz: Alhambra und Etzhorner Krug
3. Friesische Experimente und der Weserstrand
4. Stadt und Land: das Party–Jahrzehnt
5. Vom Baggersee in die Disco: Someone Somewhere in Summertime
6. Das Ende: eine Abschlusstournee

1. Der Anfang: das Tiffany

they put Jesus on a cross,
they put a hole in J.F.K.
they put Hitler in the driver’s seat
and looked the other way
now they’ve got poison in the water
and the whole world in a trance
but just because we’re hypnotized,
that don’t mean we can’t dance
(Tonio K.)
Tonio K. - Life in the Foodchain

Verlässt man die Stadtautobahn Oldenburg (A 293) an der Abfahrt Bürgerfelde und fährt auf der Alexanderstrasse stadteinwärts, sieht man nach nur wenigen Metern auf der linken Seite eine jener Großtankstellen, wie sie sich überall rings um die Autobahnauffahrten breit gemacht haben. Fragt man jedoch "alte" Oldenburger aus dem Stadtnorden, was sich früher auf diesem Grundstück befunden habe, wird man zumeist die Antwort erhalten, dass es dort früher ein kleines Kino namens "Alexander–Lichtspiele" 1 gegeben hat, das Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts eines der frühen Opfer des Kinosterbens wurde. Ich habe dort meinen ersten Karl–May–Film auf einer grossen Leinwand gesehen.

Mitunter erhält man aber auch als Antwort, dass es dort, nachdem das Kino geschlossen worden war, eine Gaststätte namens Tiffany gegeben hatte, in die man als guter Bürger lieber nicht seinen Fuß setzte, weil dort die Langhaarigen und Hascher verkehrten. Leute halt, die aussahen wie der leibhaftige Charles Manson persönlich (und doch ganz gewiss auch ähnlichen Sinnes waren) oder, wie man früher sagte, Leute, vor denen uns unsere Eltern stets gewarnt hatten.

Manchmal aber trifft man auch noch jemanden, der selber als Gast im Tiffany verkehrt hat und gerne an die eigentlich kurze Zeit dieses Lokals zurückdenkt und den katalysatorischen Effekt betont, den Emil Penning bewirkte, als er das Tiffany eröffnete und begann, die örtliche Jugend zu "verführen".

Ein Teil dieser Jugend aber war in der Tat längst bereit für eine Lokalität, in der im Gegensatz zu "normalen" Discotheken, wo lediglich die Hitparade rauf und runter gespielt wurde, die Musik gespielt wurde, die damals unter dem Label "progressiv" lief und gehandelt wurde. Es hatte in Oldenburg seit dem Ende der sechziger Jahre eine Generation von jungen Leuten und Musikern gegeben, die den Blues und den Jazz als "ihre" Musik entdeckt hatten, und viele dieser Leute bildeten den frühen Kern des Tiffany- Publikums, als dieses, nach meiner Erinnerung Anfang August 1973, in den Räumlichkeiten des alten Kinos eröffnet wurde.

Schließlich war es das Jahr 1973, der "Club of Rome" hatte für seine bahnbrechende Studie zu den "Grenzen des Wachstums" den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten und im Winter kam es zu den ersten Fahrverboten. Emil machte den Laden an diesen, eigentlich recht schönen Sonntagen im Dezember 1973 bereits am Nachmittag auf und wir konnten auf der Alexanderstrasse zur Disco schliddern. Wenn man heute über den Klimawandel lamentiert, können wir darüber nur noch lachen.

Auch wenn der gewöhnliche Oldenburger Freak, wie die Neohippies jener Zeit genannt wurden und sich zum Teil auch selber nannten — was mitunter in der Szene zu heftigen ideologischen Auseinandersetzungen führte — prinzipiell unpolitisch, egozentriert, oft bekifft und faul war, so teilten wir doch alle die Abscheu vor einem System, das uns in eine bürgerliche Zwangsjacke mit vorgefertigten, vorgelebten und für uns überlebten gesellschaftlichen Ritualen stecken wollte. Und was die Drogen in den Siebzigern angeht, so galt doch für viele an den meisten Tagen der Woche das, was auch Thomas Pynchon über seine eigenen Erfahrungen (allerdings aus den fünfziger Jahren) schreibt: "Ich ließ mich gerne von allen möglichen Marijuana–Gerüchten kitzeln, obwohl das Gerede damals in einem umgekehrten Verhältnis zur Verfügbarkeit dieser nützlichen Substanz stand." 2

Eine nicht unwesentliche Prägung zu jener Zeit leistete auch das Fernsehen, das mit Sendungen wie dem legendären "Beat–Club" seit den sechziger Jahren den Geschmack der jungen Leute in progressiver Richtung beeinflusst hatte. Die vom Dritten Fernsehprogramm des Norddeutschen Rundfunks ausgestrahlte Reihe "Sympathy for the Devil" machte es zur Aufgabe, die Geschichte der jugendlichen Subkulturen zum ersten Mal wissenschaftlich aufzuarbeiten und stellte den Zuschauern kostenlos eine Materialsammlung zur Verfügung. 3

Man kann vieles von dem, was da zu lesen ist, heute, in der neoliberalen Ära, getrost als linksradikale Propaganda der gescheiterten Sechziger–Epigonen abtun, wenn man es sich einfach machen will. Aber alle jene, die sich nicht mit dem Vietnamkrieg, der unpolitischen Haltung oder dem reinen Konsum abgeben wollten, "atmeten" die Seiten des kleinen Heftchens ein und konnten so die eigene Haltung viel besser einschätzen.

Von Beginn an kursierten Gerüchte um angebliche Verbindungen des Inhabers des Tiffany zum Rotlichtmilieu. Da jedoch die Musik stimmte und die Alternativen schlichtweg nicht vorhanden waren, war das der "Szene", die sich schnell gebildet hatte, relativ egal. Wenn schon verrucht, dann wenigstens richtig verrucht!

Nicht egal war jedoch, dass Emil Penning vor allem auf Grund seiner egozentrischen Art immer mehr Probleme mit den örtlichen Behörden bekam, so dass es eine Menge Leute nicht wunderte, dass es 1977 mit dem Tiffany dann wieder vorbei war. Man erinnert sich dennoch gerne an das Schwein an der Leine und an die Pythonschlange im Kofferraum . . . und trotz allem gebührt Emil Dank dafür, dass er einer gewissen subkulturellen Ausprägung, die es zu dieser Zeit beinahe überall in Deutschland gab, auch in Oldenburg eine Heimat geboten hatte.

Auch mein ganz persönlicher Dank geht daher an Emil, der meine „Ausbildung“ zum DJ übernahm, nichts dagegen hatte, wenn ich ihm über die Schulter schaute und auch schlichtweg deshalb, weil er die Musik spielte, die wir damals in der Lautstärke hören wollten, für die sie konzipiert war, die unsere Eltern zuhause aber — allein schon wegen der Nachbarn — nicht dulden konnten.

Er spielte die langen Stücke von Audience, Birth Control, Caravan, Crosby, Stills, Nash & Young, Genesis, Frank Zappa, Manfred Mann’s Earth Band, Pink Floyd, Supertramp, der Little River Band, The Greatest Show on Earth, Nektar, War (wie gerne würde ich mal wieder "Gypsy Man" ganz, ganz laut hören) oder Wishbone Ash, abgedrehte Sachen wie Gong, Magma oder Brainticket, Jazzrock, Metal (damals noch Hardrock genannt) und frühen Punk, schlichtweg alles, wovon die wenigen Radiosendungen für Jugendliche zu der Zeit zumeist die Finger ließen. 4

Meine Favoriten waren die walisischen Man, Camel und King Crimson aus England, Alquin aus den Niederlanden, It’s A Beautiful Day und Steely Dan aus den USA, Emtidi und Kraan aus Deutschland und natürlich Frank Zappa mit seiner unglaublich witzigen Kritik am "American Way of Life". 5

Natürlich ist das Genre der progressiven Rockmusik der siebziger Jahre unendlich viel breiter als diese paar Namen ermessen lassen. Der Hang der Scene zu psychedelischen Drogen sowie die Liebe zum Jazz führte zu einer ganzen Reihe von Bands, die den Geschmack nach langen, komplexen und symphonischen Musikstücken bedienten: Van der Graaf Generator, Yes, Hatfield and the North oder gar Henry Cow, denn schließlich existierte die Szene nicht nur im Tiffany, sondern darüber hinaus auch in Hunderten von Privatwohnungen, in den ersten WGs und Landkommunen sowie in völlig bürgerlichen Jugendzimmern und Partykellern, wo nicht darauf geachtet werden musste, dass eine Tanzfläche auch voll ist. Canterbury war im Oldenburg der siebziger Jahre sehr präsent.

Das Tiffany aber war der Treffpunkt der "Szene" am Abend. Die Tanzfläche war recht klein und die Anlage zunächst noch mäßig, bis Emil sich dann die großen Vita–Vox–Boxen zulegte, die z.B. auch Pink Floyd auf ihren Konzerten nutzte.

Was die Lightshow angeht, die ein unverzichtbarer Bestandteil des Tiffany war, so verließ sich Emil anfangs auf einige große farbige Strahler, ein vierfarbiges Stroboskoplicht, Nebel und dann vor allem auf die unvermeidlichen Projektoren, deren rotierende Plastikscheiben die fantastischsten Farben auf die Wand hinter der Tanzfläche projizierten, was hier wegen des Blitzlichtes leider nicht zu sehen ist. Sowohl um das Geblitze der Stroboskope wie um den Nebel gab es immer Diskussionen, viele Leute standen nicht drauf und verzogen sich lieber in die dunkleren Ecken, wenn Emil es so richtig krachen ließ, dazu auch das entsprechende Licht machte und den Laden einnebelte.

2. Zwischen Anspruch und Kommerz: Alhambra und Etzhorner Krug

It’s another night in Los Angeles
My passport is restless in my boot
And my thoughts take wings to wonder
Get up they say man vamoose
I think about my thoughts of Paris
Of fine wine, women and precious things
I think about my life on the midnight highway
The life of a renegade king
(Lee Clayton)
Lee Clayton - Naked Child

Gut, dass es just zu dem Zeitpunkt, als es mit dem Tiffany wegen der bereits erwähnten behördlichen Probleme zu Ende ging, mit dem Etzhorner Krug klappte. Wim Frank, der mir regelmäßig nachmittags in der Szenekneipe Chimära (Motten/Kurwickstrasse) meinen Tee gemacht hatte, wollte nicht mehr Lehrer werden und beschloss mit seinem Freund Udo Wellmann, den seit langem leer stehenden Etzhorner Krug zu übernehmen und dort trotz der genehmigungsrechtlichen Unklarheiten eine dem Tiffany ähnliche Discothek aufzuziehen. Dabei war klar, dass behördlicherseits in einem gemischt genutzten Wohngebiet nur eine Konzession für eine Gaststätte mit Gelegenheitstanz, nicht aber eine Erlaubnis zum Betrieb einer Discothek in Frage kommen konnte. Mit viel Eigenbau wurde das ehemalige Ausflugslokal vor den Toren der Stadt in eine relativ typische progressive Disco verwandelt. Wie beim Tiffany war auch beim Etzhorner Krug das Ende bereits am Anfang abzusehen, aber die Szene oder zumindest ein Teil davon hatte von Mittwoch bis Sonntag wieder ein Zuhause.

Der große, hohe Saal verfügte über eine Bühne, auf der gelegentlich Bands spielen konnten und die DJs bekamen bekamen eine schöne Empore über der Saaltheke. In der Küche wurde eine wunderbare Pizza gebacken und gelegentlich wurden im Saal Filme gezeigt. Ich erinnere mich, dass ich Peter Watkins’ Punishment Park (1971) im Krug gesehen habe. Von den Konzerten ist mir besonders die Jutta Weinhold Band in Erinnerung geblieben und natürlich der Abend, als Trio aus Großenkneten, die ansonsten regelmäßige Gäste des Kruges waren, ihre erste Schallplatte hier vorstellten.

Ulli Brinkhaus bestimmte das Musikprogramm und sorgte für eine etwas "härtere" Linie, ohne dabei die "wahre" progressive Musik sowie den Blues, den Funk oder den Reggae zu vergessen. Wie breit gefächert die Musikauswahl war, zeigt die Plattenliste des Etzhorner Kruges, die ich später, kurz vor der Schließung des Kruges für meinen nächsten Arbeitgeber erstellte.

Die Musik war laut, und die DJs bekamen regelmäßig die Anweisung vom Tresen, die Anlage etwas herunterzufahren, aber das hielt natürlich nicht lange vor und bereits zwei Stücke später war es wieder so laut wie zuvor. Das Problem, dass sich die Ohren der DJs natürlich sehr schnell an den Pegel der Musik gewöhnten, war ein grundsätzliches, das in allen Discos, die ich kennengelernt habe, auftrat.

Bevor ich anfing, im Etzhorner Krug aufzulegen, gestaltete ich alle vier Wochen die "Freitagsdisco" im Alhambra, dem noch immer existierenden Alternativzentrum Oldenburgs, damals in erster Linie die Heimat der anti–AKW Bewegung. Irgendwann zu Anfang des Jahres 1980 fragte Wim mich dann, ob ich nicht an den Freitagen, an denen ich nicht im Alhambra auflegte, im Krug auflegen könne. Ulli wollte schließlich auch mal einen freien Abend haben und immer, wenn ich im Alhambra auflegt, blieben im Krug, so Wim, die netten Leute weg.

Zweigleisig zu fahren ging jedoch auf Dauer nicht gut und es waren nicht die von eher kommerziellem Interesse geleiteten Wirte des Kruges, die mir die Steine in den Weg legten, sondern die Ideologen vom Alhambra, die mir mit den Worten: "Wir brauchen hier keine Star-DJs" nahe legten, doch ganz zum Krug zu wechseln. Was ich denn auch gerne tat, denn meinen Discoabend von einem Diavortrag zu einer gewalttätigen Demo unterbrochen zu sehen, bei dem dann Gewalttätigkeiten gegen Polizeibeamte gezeigt und laut geklatscht wurden, war denn doch nicht mein Ding. Ich hatte die Illuminatus-Trilogie 6 schon gelesen und eine ideologische Festlegung kam für mich nicht mehr in Frage.

Da gerade das große Party–Jahrzehnt der Achtziger anzubrechen begann und ich meinen Wohnsitz wieder nach Oldenburg verlegte, wurde der Krug auch an den Abenden mein Zuhause, wenn ich nicht arbeitete, sondern einfach mit Ulli meinen Spaß hatte. Zu zweit aufzulegen und sich gegenseitig auf zu pushen macht wirklich Laune. Weil mir die Bundeswehr auf den Fersen war, war ich nach zwei Jahren berufsbedingten Aufenthaltes in Osnabrück wieder ganz nach Oldenburg zurück gekommen. Ich hatte beschlossen, es Arlo Guthrie gleichzutun und der Armee damit ein Schnippchen zu schlagen, dass ich mir ein wenig staatlich finanzierte Bildung verschaffte. Meine Tagebücher verzeichnen unter dem 10. Februar 1980, dass sich Wim meine Telefonnummer aufgeschrieben hatte, um mich bei Bedarf anzurufen, wenn Ulli mal einen Samstag Pause brauchte. Es war gut, neben dem schmalen BaföG noch einen Discojob in der Hinterhand zu haben.

Rock, Hardrock, Funk, Reggae, Jazzrock, progressive Musik und aktuelle Radiohits bildeten, wie die Liste zeigt, das Gerüst des Etzhorner Kruges. Wir dürften damit ziemlich im Trend der anderen "progressiven" Discotheken im Nordwesten, die wir ansonsten an unseren freien Abenden auch gerne mal besuchten, gelegen haben. Aber natürlich gab es immer gewisse lokale Besonderheiten und spezielle örtliche "Hits", die für mich den Charme des jeweiligen Ladens ausmachten.

Im Gegensatz zu heute, wo man vor 1:00 Uhr nachts kaum noch jemanden in einer der wenigen Discos, die aufzusuchen sich lohnt, antreffen kann, machte der Etzhorner Krug um 21:00 Uhr auf, um die bereits vor der Tür wartenden jüngeren Gäste einzulassen, die dann sofort den Kicker belagerten. Man darf nicht vergessen, dass es zu jener Zeit noch jede Menge guter Gründe gab, der elterlichen Wohnung, wo der Spassfaktor doch zumeist recht gering war, so oft wie möglich zu entfliehen.

Zwischen neun und zehn Uhr hatte man als DJ Gelegenheit, in neue Platten reinzuhören oder Sachen zu spielen, die man persönlich gerne mochte, die aber eventuell nicht unbedingt in den Verlauf des weiteren Abends passen würden. Das eine oder andere Musikstück dürfte auf diese Weise nicht nur im Krug zum lokalen Hit geworden sein. Überhaupt hat es nach dem Etzhorner Krug für mich keine Discothek mehr gegeben, in der so wenig darauf geachtet wurde, ob eine gewisse Nummer in eine bestimmtes Profil passte oder nicht. Obwohl damit Geld verdient wurde, war der Krug im Vergleich noch immer bemerkenswert unkommerziell.

So ab zehn Uhr, wenn der Laden die richtige Fülle hatte, sollte es aber dann schon losgehen, und wenn man keine gravierenden Fehler machte, konnte man die Tanzfläche locker bis drei Uhr stets einigermaßen gefüllt halten. Ulli legte Zettel und nicht mehr benötigte Veranstaltungsplakate aus, auf deren unbedruckten Rückseiten die Gäste ihre Musikwünsche loswerden konnten. Dem ewigen Vorwurf, man würde stets das Gleiche spielen, konnte man so mit dem Hinweis darauf, was gewünscht worden war, begegnen. Es ist wirklich nicht leicht, es allen recht zu machen, denn zwischen Puristen und Ignoranten gibt es ein weites Spektrum von Geschmäckern und Meinungen. Die Kunst bestand eben darin, die für den jeweiligen Abend richtige Mischung und und die richtige Reihenfolge zu finden.

Einen von Schweiß und Bier dampfenden Etzhorner Krug von oben von der Empore aus zu sehen, war schon ein toller Anblick und hat für immer meinen "Anspruch" an eine gute Discothek geprägt. Leider ist so etwas nicht beliebig reproduzierbar. Aber es ist auch später noch vorgekommen, und einige Kollegen in anderen Läden waren ebenfalls in der Lage, eine ähnliche Stimmung zu produzieren und einen Laden zum Kochen zu bringen. Mein Freund Ralf Spitra aus dem Renaissance nannte es "ein Schwein fliegen lassen" und er meinte damit nicht nur die grandiose Licht– und Lasershow, die er produzierte.

Um einen Laden dieser Größe am Laufen zu halten, bedurfte es des ständigen Einsatzes in Sachen Musik. Man war ständig damit beschäftigt, neue Platten zu hören oder hatte das Radio an, um Anregungen zu bekommen. Selbstverständlich war das Budget stets viel zu knapp, die Musikszene war gerade auch Anfang der achtziger Jahre dabei, zu explodieren und dafür, dass man eigentlich nur einen Nebenjob machte, steckte man viel zu viel Zeit hinein. Aber Wim und sein Partner waren nette Leute, freundliche Kapitalisten sozusagen, denn obwohl ich niemals einen schriftlichen Arbeitsvertrag hatte, gab es z.B. sogar ein Weihnachtsgeld im Etzhorner Krug.

Wie gesagt, das Ende des Kruges war bereits in seiner grundsätzlichen Struktur angelegt. Der Ärger mit den Nachbarn des Wohngebietes war nicht aus der Welt zu schaffen, auch wenn Wim selber auf dem Parkplatz für Ruhe zu sorgen versuchte. Am Ende kriegt einen der Staat doch, und wenn es mit dem Baurecht ist.

3. Friesische Experimente und der Weserstrand

Now I’m losing touch with reality
and I’m almost out of blow
It’s such a fine white line—
I almost hate to see it go
(Jackson Browne)
Jackson Browne - Running On Empty

Kurz vor dem offiziellen Ende des Etzhorner Kruges im September 1981 sprachen mich zwei Herren an, die so normal aussahen, dass sie mir unter den Gästen bisher nicht aufgefallen waren. Sie stellten sich als Geschäftsleute aus der Küstenkanalgegend (an der B401) vor und eröffneten mir, dass sie vorhatten, in Warsingsfehn in Ostfriesland eine dem Krug vergleichbare Disco zu eröffnen. Das nötige Know–how erwarteten sie sich von mir. Über die Konditionen war man sich schnell einig, mein neuer Chef, sah ein, dass ein neuer Job, der über das bloße Auflegen von Hits hinausgehen würde, auch eine bessere Bezahlung verlangte. Meine erste "Amtshandlung" war die Erstellung der oben erwähnten Playlist.

Was dann geschah, war eines der Highlights meiner "Karriere" — ich durfte mit meiner Liste bewaffnet einen großen Einkaufswagen durch die Schallplattenabteilung der Fa. Lehmkuhl (damals gegenüber vom Hauptbahnhof Oldenburg) schieben und einfach so zugreifen. Was nicht am Lager war, wurde kurzerhand bestellt. Ein tolles Gefühl und eine Erfahrung, von der ich jahrelang geträumt hatte und die jetzt wahr wurde. Wie jedes echte Highlight aber war diese Erfahrung einmalig.

Das Milljöh (http://www.milljoeh.com) war eine große Dorfgaststätte mit einem hohen Saal, der sich sehen lassen konnte und eigentlich ideal war für das Vorhaben, dem Meta und dem Old Inn dort in der Gegend ein wenig Konkurrenz zu machen. Dennoch gestaltete sich das Vorhaben schwieriger als erwartet. Die ostfriesische Dorfjugend, auf die ich traf, war doch mehr auf die Hitparaden fixiert als mir lieb sein konnte. Auch die Hinzunahme eines jungen einheimischen DJs namens Ewald konnte den Laden nicht voller machen, und in einer Discothek, die für die Anzahl der regelmäßig anwesenden Gäste viel zu groß war, macht das Auflegen keinen rechten Spaß. Es war nicht meine Gegend und es waren nicht meine Leute. Dies war eine andere Generation, die andere Bedürfnisse und andere Vorstellungen vom Feiern hatte, die vor allem mit dem massiven und unkontrollierten Konsum von Alkohol zu tun hatten. Und aus den erwähnten Läden konnten wir kaum Publikum herüber ziehen. Der Ostfriede ist bekanntermassen stur.

Die Kids im Milljöh erwarteten (mehr als anderswo) "ihre" Hits, und das wenn möglich in der Reihenfolge, in der sie es gewohnt waren, so dass es zunehmend langweiliger wurde, dort aufzulegen. Nichts gegen Christopher Cross, heute würde ich vielleicht Ride Like the Wind gerne mal wieder so richtig laut hören und mit der Lichtanlage spielen, aber im Milljöh ging wirklich fast nichts außer dem, was bekannt war oder bereits im Radio überspielt war. Und trotz der Konzerte, die hier veranstaltet wurden (Cats TV und Herman Brood†) kam für mich kein wirklich gutes Gefühl in dem Laden auf. Nach einigen merkwürdigen Geschichten stand es für mich fest, dass ich gehen würde und war froh, dass mir Ulli Brinkhaus ab Mitte April 1982 einen neuen Job anbieten konnte. Meine Arbeitgeber waren enttäuscht, sahen aber auch wohl ein, dass das Milljöh nicht meine Welt war.

Das Weserstrand in Nordenham lag direkt hinter dem Deich und war von der Architektur her auch durchaus geeignet, eine progressive Disco zu beherbergen. Auch entsprachen die Inhaber (auch heute noch gute Freunde von mir) eher meiner Vorstellung von Leuten, für die ich arbeiten wollte. Außerdem teilten sie Ullis und meinen Musikgeschmack. Leider aber gab es auch hier nicht das erforderliche Umfeld für das, was wir vorhatten. Es kamen eigentlich außer zur Eröffnung keine Leute; im Milljöh hatte es zumindest eine kleine Szene gegeben. Aber hier — nichts! Obwohl es mich relativ kalt erwischte, als der Laden schloss, lehnte ich ein Angebot, wieder in Warsingsfehn zu arbeiten, ab.

4. Stadt und Land: das Party–Jahrzehnt

Beneath the old iron bridges,
across the Victorian parks,
and all the frightened people
running home before dark,
Past the Saturday morning cinema—
That lies crumbling to the ground,
and the piss stinking shopping centre
in the new side of town.
I’ve come to smell the seasons change,
and watch the city,
As the sun goes down again.
(The The)
The The - Heartland

Bereits im Sommer 1982 hatte ich gelegentlich im Rockparadise in Lintel (zwischen Oldenburg und Delmenhorst, wo Gruppen wie Level 42 und Gruppo Sportivo aufgetreten waren, aufgelegt, da das Ende im Weserstrand absehbar war. Mitte August war hier Schluss für Ulli und mich und da Rolf J., der bis dahin für Paul in Lintel aufgelegt hatte, in Jochen Wissmans Novo (in der Ritterstrasse in Oldenburg) auflegen wollte, sollte ich dort arbeiten. Dazu kam es aber aus Gründen, die hier zu weit führen würden, nicht. Es hatte aber damit zu tun, dass sich Paul ein wenig zu sehr einmischte, weil er als Musikenthusiast natürlich seine eigenen Vorstellungen hatte.

Meine freien Abende nutzte ich zu dieser Zeit natürlich dafür, mir andere Läden anzusehen. Da waren das Renaissance, das Sunup’s und natürlich das Ede Wolf in Oldenburg beziehungsweise Metjendorf — alles Läden, die sich sehen lassen konnten und musikalisch zumeist durchaus Qualität ablieferten. Nicht vergessen werden darf aber auch das Pulverfass in der Rosenstrasse in Oldenburg, wo man sich nach Feierabend mit den Kollegen aus den anderen Läden traf. Es war die Zeit, in der der der Funk, eigentlich die Discomusik der Afro–Amerikaner, zunehmend begann, sich in die Playlisten auch der Discos hinein zu schmuggeln, die diese Musikrichtung wegen ihrer Nähe zu den kommerziellen Hitparaden eigentlich immer ein wenig misstrauisch beäugt hatten. Es war die grosse Zeit der Talking Heads, aber auch Namen wie XTC, The Cure, die Psychedelic Furs, Simple Minds oder die Gang of Four kommen mir in den Sinn.

Der Sommer 1982 war demgemäß finanziell etwas dünn, aber ab Mitte Oktober 1982 begann ich, für Lucius im Sunup’s in der Baumgartenstrasse aufzulegen, nachdem ich zuvor dort immer häufiger als Gast aufgetaucht war. Zuerst hatte ich ihm ein Wochenende zugesehen und mir überlegt, inwieweit ich es schaffen würde, wieder für einen vorrangig am Geschäft interessierten Chef zu arbeiten, der zudem sehr wohl selber in der Lage war, die Musik in seinem Laden aufzulegen. Zuerst bekam ich natürlich nur die Wochentage, um mich einzuarbeiten. In den ersten Wochen war es schwierig, den Nerv des Publikums zu treffen, aber Lucius kam mir zu Hilfe, wenn er sah, dass ich in Schwierigkeiten geriet, die Tanzfläche voll zu halten. Aber bereits im November lief es so gut im Sunup’s, dass ich ein Angebot Pauls, den Mittwoch in Lintel zu machen, ablehnte. Ich ahnte, dass Lucius darauf gar nicht stehen würde. Außerdem gefiel mir, was Wilke machte, der andere DJ im Sunup’s. Von ihm lernte ich die Einstellung, dass es in einem kommerziell orientierten Laden nur darauf ankommt, gut zu verdienen, seinen Spaß zu haben und musikalisch einigermaßen seine Integrität zu wahren.

Meinen ersten Samstag Mitte November begann ich mit richtigem Lampenfieber, aber es war so voll, dass, wenn die Discomaschine erst einmal angeworfen und am Kochen war, kaum noch etwas schief gehen konnte. Leider haben wir aus dieser Zeit keine Playlisten. Wer erinnert sich noch an Girl Watching von der T–Connection oder das Future World Orchestra aus den Niederlanden?

Die DJs besuchten sich regelmäßig gegenseitig an ihren jeweiligen freien Abenden und das Verhältnis zwischen Wilke, Redelf, Peter und mir war gut und kollegial, keinesfalls von Konkurrenz geprägt. Wilke besuchte mich ab und zu auch in meiner WG in Edewecht, wohin ich Anfang 1983 gezogen war.

Im Sunup’s musste die Musik durchaus abwechslungsreich zwischen Funk, Rock, Wave und gelegentlichen Reggae-Einsprengseln gestaltet werden, denn in einer Disco in der Innenstadt ist das Publikum natürlich gemischter und zufälliger als in einem Laden auf dem Land, zu dem man erst hinfahren muss und auch nur hin fährt, wenn man sicher sein kann, dort auch die Atmosphäre und die Leute anzutreffen, die man erwartet. Die Musikanlage war besser und kräftiger als dem Laden zuweilen gut tat, und auch, was das Licht angeht, hatte Lucius einiges aufgeboten, mit dem zu spielen Spaß machte. Einer der großen Sunup’s–Hits war nicht zuletzt Music & Lights von Illumination. Aber insgesamt war die Musik natürlich näher an den Charts orientiert, denn schließlich ging es hier vorrangig darum, eine ziemlich heterogene Gruppe zu unterhalten. Mit neuen Platten war es im Sunup’s allerdings nicht sehr weit her. In dem Bemühen, einmal gewonnene Gäste zu halten, sorgte Lucius dafür, dass wir DJs die Stücke so lange spielten, bis sie auch der letzte Gast singen konnte. Deshalb war auch das Mixen anfangs gar nicht gerne gesehen.

Das Sunup’s war der erste Laden, wo ich Musikstücke, insbesondere die extra zu diesem Zweck ausgelegten überlangen Funk–Maxis, ineinander mixte. Es gibt da eine Stelle bei Oliver Chatham ( Saturday Night ) und Fresh von Kool and the Gang, wo man absolut leicht von einem Stück in das andere wechseln konnte. Die Sache birgt natürlich die Gefahr in sich, dass man bei einem dominanten Rhythmus landet, wie wir es heute bei den vielen kleinen, spezialisierten Discos in den Genres House, Techno, Drum&Bass, Elektro und Lounge finden.

Leider begannen die Leute zu dieser Zeit die Angewohnheit zu entwickeln, immer später wegzugehen, so dass die Mitarbeiter in der Unterhaltungsbranche sich erst einmal ein paar Stunden lang die Beine in den Bauch standen, bevor etwas passierte. Die Tresenkräfte hatten anfangs zu wenig und später zu viel zu tun. Für den DJ gab es immer noch die Möglichkeit, sich bei gedämpftem Licht mit den neuen Platten vertraut zu machen und ich habe dabei so manchen guten Tip von den Mädchen an den Tresen erhalten. Wenn den Mädchen die Musik gefällt, tanzen sie, und wenn die Mädchen tanzen, bleiben die Typen da und trinken Bier.

Und was die Sache noch schlimmer machte, dass Lucius auch noch den Keller unter dem Sunup’s übernahm und dort das Chalet als reine Funk–Disco aufmachte. Jetzt teilten sich die Gäste auch noch auf zwei Läden auf, und mein Freund Ralf, den Lucius gewinnen konnte, und ich machten uns jetzt gegenseitig Konkurrenz, wobei es mir dabei noch etwas besser ging, denn ich hatte ja wenigstens das Sunup’s –Publikum und die Leute, die noch immer wegen meines Rufes als Freak–DJ kamen. Ralf machte zwar Spitzenmusik, aber er musste sich sein Publikum erst erarbeiten, und das im Wettbewerb mit den anderen Funk–Discos in der Stadt, dem Novo und dem Byblos, die auch nicht schlecht waren. Sein bislang unerschütterliches Selbstvertrauen geriet in den folgenden Monaten jedenfalls ziemlich ins Wanken.

5. Vom Baggersee in die Disco: Someone Somewhere in Summertime

My father told me, lying on his bed of death,
Boy, he says, woman she’s gonna make it, don’t fool yourself
‘cause she’s got something to make a man lay that money, uh, right in her hand
And the very thing that makes her rich will make you poor
The very thing that makes her rich will make you poor
That’s right!
(Ry Cooder)
Ry Cooder - Bop Til You Drop

Der Job im Ede Wolf dürfte der einzige Job in meinem Leben sein, der mir im Adamskostüm angeboten worden ist, und zwar an dem sehr schönen Baggersee am Korsorsberg in Großenmeer, wo man ehedem nackt baden konnte, nachdem für die Hippies die großen Zeiten der Seen in Nehten und Lehe vorbei waren. Da ich jedoch im Sunup’s gerade gut im Geschäft war, sagt ich nicht augenblicklich zu, als Ede (ebenfalls nackt) an unseren Liegeplatz kam und mir den Job anbot. Ich verkehrte bereits ein gutes Jahr an vielen meiner freien Tage im Ede Wolf, insbesondere wenn Konzerte anstanden. Die Inhaber, Ede Schicke und Mani Dieks, waren selber Musiker, Ede hat es mit "Schicke Führs Fröhling" sogar bis in die Annalen des Progressive Rock geschafft.

Im Gegensatz zu den im Mai des Jahres 1983 veröffentlichten Hitler–Tagebüchern sind meine festgehaltenen Erinnerungen aus jener Zeit echt und nach diesen Aufzeichnungen war es dann Mani, der am Abend des 20. Juli 1983 in meiner WG in Edewecht auf der Matte stand, als ich gerade das Essen auf dem Tisch hatte. Ihr zweiter DJ, ein Mensch namens Thomas, hatte mit der fadenscheinigen Begründung, sein Auto sei kaputt, abgesagt und wie das im wilden kapitalistischen Westen so üblich ist, seine fristlose Kündigung erhalten, denn es war wohl offensichtlich, dass er eigentlich auch keinen Bock mehr hatte, im Ede aufzulegen. Das hieß also für mich vier statt zwei Nächte Disco, dazu in zwei unterschiedlichen Läden — mal schauen, wie lange das gut gehen würde, im „Jahr der Kommunikation“ 1983. Aber ich war optimistisch, schließlich hatten es auch die Grünen im März zum ersten Mal in den Bundestag geschafft. Der Mittwoch lief auch sehr gut im Ede und der Sonntag ging regelmäßig nur bis ein Uhr (brachte aber auch nur 50 Mark). Es ergab sich aber noch ein ganz anderer Vorteil daraus, dass meine Arbeitswoche am Sonntag im Ede endete und dort auch Mittwochs wieder begann: ich konnte zuhause nach und nach die komplette Plattensammlung aus dem Ede auf Cassetten bannen. Denn Ede und Mani war es egal, ob ich die Platten mit nach Hause nahm, solange sie am Mittwoch wieder da waren. Im Sunup’s war dies natürlich total verboten. Dort allerdings wurde es zusehends „ruhiger“, das Sommerloch war gewaltig in diesem Jahr. Für uns DJs war klar, dass es der Mangel an guten Rock– und New Wave–Platten war, der dazu führte, dass der Laden, der sich auf der Funk–Schiene schließlich selber Konkurrenz machte, unter der restriktiven Einkaufspolitik des Inhabers litt. Funk gab es genug, aber der lief im Keller und im Erdgeschoß!

Musikalisch ging es im Ede etwas rockiger zu als im Sunup’s, aber ich kannte natürlich die lokalen Hits und konnte um diesen Kern von Stücken meine eigenen Lieblingsnummern platzieren. Zudem kamen Live–Stücke hier viel besser an als im Sunup’s, denn eine ganze Reihe der Gäste waren selbst Musiker oder wie mein damaliger Mitbewohner Hans Mager (†) Techniker, die dafür sorgten, dass Theoretiker wie ich oder die Mucker überhaupt ihren Kram machen konnten.

Ich habe meine eigene Rolle als DJ niemals so wichtig gesehen, dass es auf mich alleine ankäme, ob ein Laden gut lief oder nicht und auch stets den Eindruck gehabt, dass das Sunup’s mehr von meiner Arbeit im Ede profitierte“ als vice versa. Natürlich wanderte das eine oder andere Stück von dem einen Laden in den anderen, aber das, was auf "Bremen 4" oder auf dem Holländer ("Hilversum III") lief, waren doch schließlich keine Betriebsgeheimnisse.

Unter "Freitag, 19. August 1983" findet sich folgender Eintrag in meinem Tagebuch: "Ich hatte gestern einen der schlaffsten Tage, die ich je im Sunup’s erlebt habe. Selbst Lucius, der meinte, daß die Abwechslung in der Musik zu kurz komme, sah ein, daß es einfach ein schlaffer Abend war." Das war es aber wohl doch nicht nur, denn ich ging mit wachsender Unlust hin, und im September war es dann so weit, dass sich die Dinge von selbst klärten. Nun, nicht ganz von selbst vielleicht, aber in jedem Fall ohne mein aktives Zutun.

Jener Thomas, dem ich meinen Job im Ede verdankte, tauchte eines Donnerstags im Sunup’s auf und petzte, während alle meine anderen Kollegen und die Thekenleute zwei Monate lang dicht gehalten hatten. Prompt stieg Lucius zu mir auf die Disco rauf und fragte: "Willst du rausfliegen?" Wir redeten über die Sache und ich merkte ihm seine Enttäuschung an, aber er hatte mich, uns alle, zu oft und zu gern mit seinem "biederen Kleinkrämergeist und seiner unübertrefflichen Arroganz" (Eintrag von Montag, 19 September 1983) enttäuscht. Wir begannen also Tarifverhandlungen, oben auf der Disko, während der Arbeit. Als ich zuletzt die Lohnerhöhung und die Erlaubnis, alle Schallplatten zum Aufnehmen mit nach Hause zu nehmen, zugesagt bekommen hatte, kam die unvermeidliche Einschränkung, die zum Bruch führte: die Lohnerhöhung (auf das Ede –Niveau, ich weiß, ich hätte mehr verlangen sollen), sollte nur für mich gelten, nicht aber für Peter und Redelf (Wilke war zu dem Zeitpunkt wegen seiner ständigen Streitereien mit Lucius schon nicht mehr da). Abgesehen von dem "moralischen" Aspekt, ich bin seit meiner ersten Arbeitswoche im August 1973 bis heute ohne Unterbrechung Gewerkschaftsmitglied, stellte ich es mir gar nicht so lustig vor, zukünftig unter besonderer Beobachtung zu stehen und bei erstbester Gelegenheit gefeuert zu werden, denn natürlich wartete jener Thomas nur darauf, meinen Job zu kriegen. Ich packte also meine Sachen, ließ mir 50 Mark für den halben Abend geben und ging.

Dass im Ede mehr Langhaarige (wie ich) und Altfreaks als in allen anderen Läden der Stadt rumhingen, war zwar einerseits ganz nett, brachte aber andererseits das Problem mit sich, dass man als DJ mit einer gewissen Intoleranz gegenüber neuen Entwicklungen in der Popmusik konfrontiert war, auf der anderen Seite aber dafür sorgen wollte, dass es bunt und interessant blieb. Und schließlich hatte ich noch immer meinen eigenen Geschmack, der über Rock und Funk hinaus ging. Den Spruch: "Mach’ doch mal Musik" (Eintrag vom 29. September 83) habe ich in der Anfangszeit mehr als einmal gehört. Im Sunup’s war der Spruch nur von meinen Freunden gekommen, und das auch nur im Scherz, oder?

Aber wie bereits erwähnt hatte das große Party–Jahrzehnt der Achtziger begonnen, und man durfte sich nicht mehr nur auf seine Stammgäste oder eine bestimmte Gruppe oder Subkultur verlassen. Der große Sommerhit in diesem Jahr war "Sunshine Reggae" von der dänischen Gruppe Laid Back gewesen, die Gruppe Indeep erkannte mit "Last Night A DJ Saved My Life" die Wichtigkeit unseres Jobs an; Michael Jackson schwor, nicht der Vaters des Kindes einer Dame namens "Billie Jean" zu sein und in der zweiten Jahreshälfte schaffte es sogar ein Jazzer wie Herbie Hancock mit "Rockit" in die Charts. Andere Namen aus dieser Zeit, darunter diverse One–Hit–Wonder, sind Captain Sensible, Culture Club, Phil Collins solo und mit Genesis, Hall & Oates, Dexys Midnight Runners, Spliff, Madness, Ultravox, Men at Work, OMD, Icehouse, U2, Eurythmics, New Order, Malcolm McLaren, Heaven 17, Spandau Ballett, Murray Head, Paul Young, Joe Jackson, Level 42, The Pretenders, Lionel Ritchie, Frankie Goes to Hollywood, Howard Jones, Cyndi Lauper, Shannon, Miami Sound Machine, Nik Kershaw, Madonna, Prince, Sister Sledge, Chaka Khan, Billy Ocean, Alphaville, Bronski Beat, The Cars, Fox the Fox, Sade, Talk Talk, Billy Idol, Tears For Fears, Purple Schultz, Foreigner, usw., usw.

Während ich weiterhin im Ede auflegte, begann ich im November 1983 meinen Zivildienst und zum Sommersemester 1985 mein Studium. Im Herbst kam Thomas Seebeck aus Bremerhaven zu uns ins Ede und die beste Zeit, die der Laden haben sollte, begann. Nicht einmal das Echoes (heute Amadeus), das Wolfgang Schönenberg (†) am 18. Dezember 85 in der Mottenstrasse eröffnet hatte, konnte daran etwas ändern. Nachdem Thomas seine Anfangsnervosität überwunden und sich auch das Publikum an sein grundsätzlich mehr an schwarzer Musik orientiertes Programm gewöhnt hatte, gaben wir richtig Gas.

Thomas setzte einen richtig fetten Etat durch, abonnierte das Fachblatt "Blues&Soul" und fuhr montags nach Hamburg, um in speziellen Plattenläden Importmaxis für unsere Diskothek zu kaufen. So waren wir Mittwochs oft die ersten in der Stadt die eine bestimmte Nummer spielten, die erst am Wochenende in den Discos in der Innenstadt lief. Er besorgte spezielle Filzmatten für die Technics–Plattenspieler und wir lernten, richtig zu mixen. Aber auch weiterhin spielte ich die gute progressive Musik und natürlich die ewigen Ede –Hits. Mittlerweile war ich dreißig und hatte mich neben der Disko um eine WG und mein Studium zu kümmern. Und Thomas war jung, solo und zog schließlich in die Wohnung über der Disko, um nicht mehr ständig zwischen Bremerhaven und Metjendorf pendeln zu müssen. Sein unermüdlicher Einsatz verbesserte zwar meinen lädierten Ruf bei den alten Ede –Gästen nicht gerade, er war aber wichtig für den Laden. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Thomas Seebeck das Ede entscheidend voran — auf die Höhe der Zeit — gebracht hat. Er war es auch, der die Idee hatte, unsere Abende zu dokumentieren und ich frage mich noch immer, warum ich, der sonst alles aufschreibt, nicht von selbst (und viel früher) darauf gekommen bin. Der erste, von mir aufgezeichnete Abend ist hier nachzulesen: Freitag, 22. November 1985.

Sonntags telefonierten Thomas und ich stundenlang miteinander, besprachen, welche Stücke wir pushen sollten und was wir den Charts nicht abkaufen wollten. Da Thomas den Mittwoch übernommen hatte, konnte ich am Freitag schon darauf zurückgreifen, dass die Leute gewisse Importmaxis schon gehört hatten, die er am Montag gekauft hatte und versuchen, sie irgendwo im Programm zu platzieren, so dass es Samstags wiederum für ihn leichter war, bestimmte Stücke zu etablieren. Thomas wurde so einem stilprägenden DJ nicht nur für das Ede, sondern auch für andere Läden, denn zunehmend mehr DJs kamen ins Ede und hörten sich an, was hier lief.

So manchen Abend legten wir gemeinsam auf und brachten den Laden zum Kochen; es machte einen Heidenspaß. Thomas kritisierte zwar gewisse Retro–Tendenzen bei mir, andererseits kannte ich zu viele der Gäste sehr genau und wusste, dass das Ede bei einem Verlust all jener, die die neue Ausrichtung kritisierten, auch nicht gut aussehen würde. Auf diese Weise vergingen die Jahre 1986 und 1987, in denen es aber zunehmend schwieriger wurde, den Laden an drei Abenden durchgängig gefüllt zu halten. Zudem gewöhnten sich die Leute an, zunehmend später weg zu gehen, so dass es vor 23:30 Uhr kaum noch möglich war, jemanden auf die Tanzfläche zu bekommen. Thomas legte gelegentlich auch noch im Charts in Harkebrügge auf und verschaffte mir einen kurzfristigen zweiten Job am Sonntag dort. Bei Rolf J. war es auch nett, aber da nicht viel lief, machte er nach zweiten Monaten den Abend lieber selber. Das Charts lag ohnehin in den letzten Zügen.

6. Das Ende: eine Abschlusstournee

Nothing ever happens, nothing happens at all
The needle returns to the start of the song
And we all sing along like before
And we’ll all be lonely tonight and lonely tomorrow
(Del Amitri)
Del Amitri - Waking Hours

Das schöne Leben endete brutal Anfang Februar 1988, als Thomas Seebeck bei der Kohlfahrt des Ede Wolf überfahren wurde und nur schwer verletzt knapp überlebte. Schweren Herzens übernahm ich vorübergehend seine Schichten, bis ein Ersatz gefunden war, der kein Ersatz sein konnte. Ebenso wenig war ich in der Lage, den Verlust auszugleichen. Neue DJs kamen, ich nahm noch einen zweiten Job bei Dirk im H9 in Neuenwege bei Varel an, wo es im Prinzip auch sehr angenehm war. Mein letzter Abend im Ede war Samstag, der 11. Februar 1989 und ohne nach zu treten, kann ich sagen, dass das Ende nicht gerade schön verlaufen ist. Da ich, wie bereits erwähnt, Gewerkschaftsmitglied war, endete mein Arbeitsverhältnis zwar mit einer fristlosen Kündigung, aber auch mit einer Abfindung, so wie es sich gehört, und worauf ich noch heute stolz bin.

Ich legte vermehrt im H9 auf und landete ab Pfingstsonntag 1989 wieder im Sunup’s, wo ich den Sonntag einigermassen in den Griff bekam und später auch wieder an weiteren Tagen auflegte. Das H9 interessierte Lucius nicht, es war zu weit weg. Dort lief mein Abend aber auch nicht so gut, dass Dirk es nicht besser selber machen konnte, um das Geld zu sparen. Aber wir schieden im Laufe des Sommerlochs in Freundschaft voneinander. Irgendwann im Verlauf dieses Jahres muss das Sunup’s von Lucius auf Peter P. übergegangen sein, was dem Laden aber auch nicht mehr half. Mein letzter aufgezeichneter Sonntag im Sunup’s ist der 21. Juli 1991 und ich vermute stark, dass das auch mein letzter Abend dort gewesen sein dürfte. Im Winter versuchte ich noch einmal, mit dem alten Tiffany/Etzhorner Krug–Stil einen Sonntagabend im Amadeus aufzubauen. Aber nach ein paar Monaten war ich Günther auch nicht böse, als er die Geschichte im Februar 1992 einschlafen ließ. Seither habe ich nur noch gelegentlich auf privaten Parties aufgelegt und im Rocktheater sieht man mich eher selten. Es ist nie mein Laden gewesen und was man sich erzählt, deutet darauf hin, dass dort an einem bestimmten Stiefel auch nichts verändert wird. Das wäre nicht meine Welt, aber Lust, mal wieder da oben zu stehen, hätte ich schon, zumal es in der heutigen Zeit mit all den Mp3s auf den Festplatten und toller DJ-Software ganz andere Möglichkeiten gibt. . . .

Fussnoten
1 "Die im Frühjahr 1948 eröffneten "Kammer-Lichtspiele" wurden bereits ein Jahr später von Erich Henschke aus Hildesheim übernommen und nach einer kurzen Umbauphase unter dem Namen "Alexander–Lichtspiele" wiedereröffnet. Beim Blick in die Filmannoncen in der "NWZ" fällt auf, dass hier hauptsächlich Western- und Kriminalfilme liefen." Stephan Bents: "Die Kinoentwicklung in der Region Oldenburg / Ostfriesland zwischen 1945 und 2004", Diplomarbeit, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, http://www.student.uni-oldenburg.de/stephan.bents/Diplomarbeit.pdf.
2 Thomas Pynchon: Spätzünder, p. 15, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 1994.
3 Manfred Miller, Peter Urban, Klaus Wellershaus, Horst Königstein u.a.: Sympathy for the Devil, Materialsammlung zur 13teiligen Sendereihe über jugendliche Subkultur und ihre Ausdrucksformen, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg o.J.
4 Als zu lobende Ausnahmen seien hier stellvertretend Manfred Miller und Anne Rottenberger genannt.
5 "Concentration Moon ist beispielhaft für Zappas Fähigkeit, den politischen Inhalt seiner Texte ästhetisch im Medium Musik plausibel zu machen." — Manfred Miller, damals im Radio.
6 Robert Anton Wilson, Robert Shea: Illuminatus, Sphinx Verlag, Basel 1977.

"Break on through to the other side". Tanzschuppen, Musikclubs und Diskotheken in Weser-Ems. Katalog zur Sonderausstellung im Schlossmuseum Jever vom 01.09.2007 bis 27.04.2008. Hg. von Peter Schmerenbeck. Oldenburg, Isensee, 2007 (Kataloge und Schriften des Schlossmuseums Jever. H. 27) (EUR 19,80)

© Otto Sell 2007

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Otto Sell – 25.09.2007
Last update Tuesday, October 09, 2007

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