Thomas Pynchon — Against The Day

"Secret wisdom—different details, but the structure underneath is always the same."

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Einleitung"Alice’s Restaurant"Zwischen "Harry Potter" und "Startrek"?Der Mann mit dem gelben LasterBombenstimmung hier: die soziale Frage

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Against the Day bei Amazon Einleitung

Das Erscheinen des neuen Romans von Thomas Pynchon wurde für den 5. Dezember 2006 angekündigt, mittlerweile wurde der Termin auf den 20. November 2006 vorverlegt. Der Roman heisst Against the Day. Der Titel könnte sich auf die "Salbung in Bethanien" (Joh. 12,1–9, Matth. 26,6–13, Mark. 14,3–9) beziehen, aber es gibt viele Stellen in der King–James Bibel, wo der Ausdruck "against the day" verwendet wird. Dieses Zitat ist nur die "prominenteste" Stelle und es ist eigentlich zu bezweifeln, dass Pynchon ausgerechnet das offensichlichste Zitat im Sinn hatte, als er diesen Titel gewählt hat. Denn schlie▀lich gibt es auch die nicht weniger bekannte Aussage "Die Rache ist mein" aus dem Deuteronomium (32,34–5), wo die Redewendung gleich zweimal gebraucht wird: "Is not this preserved in my treasury, sealed up in my storehouse, Against the day of vengeance and requital, against the time they lose their footing?" Close at and is the day of their disaster and their doom is rushing upon them!"

Gegen den Tag

Es gab ein wenig Verwirrung um die zuerst auf bei Amazon veröffentlichte, von Pynchon selbst verfasste "Beschreibung" zu dem Roman, weil dieser Text nach einem Tag mit einem Mal wieder von der Seite verschwunden war, so daß die üblichen Paranoiker einen Hackerangriff oder den üblichen Internet–Hoax vermuteten. Zwei Tage später war der Text aber wieder da, alle möglichen Tageszeitungen in den USA haben ihn zitiert und er kann getrost als authentisch angesehen werden.

Der Roman wird, so Pynchons Ankündigung, die Zeitspanne zwischen der Weltausstellung von Chikago 1893 und den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges umfassen und den Leser von den Streiks der Minenarbeiter in Colorado (1894) über das New York der Jahrhundertwende, nach London und Göttingen, Venedig und Wien, den Balkan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska Zwischenfalls (1908), Mexiko zur Zeit der Revolution (1910-17), das Paris der Nachkriegsjahre, Stummfilm-Hollywood sowie an "ein oder zwei Orte" führen, die sich genau genommen nicht auf der Karte befinden.

Während eine weltweite Katastrophe nur wenige Jahre in der Zukunft lauert, so Pynchon weiter, ist dies eine Zeit uneingeschränkter unternehmerischer Gier, falscher Religiösität sowie debiler Nutzlosigkeit und böser Absichten der herrschenden Eliten. Sein Hinweis, daß hiermit keine Referenz an gegenwärtige Zustände gemeint sei oder hieraus gefolgert werden sollte, klingt wie eine Satire auf ein Dementi, von dem jeder weiß, daß es falsch ist.

Wie bei Pynchon üblich gibt es auch wieder eine ansehnliche Anzahl von Figuren: Anarchisten, Ballonfahrer, Spieler, Wirtschaftsbosse, Drogenenthusiaten, "innocents and decadents", Mathematiker, verrückte Wissenschaftler, Shamanen, medial Veranlagte, Bühnenzauberer, Spione, Detektive, Abenteurerinnen und Mietkiller. Und es gibt Kurzauftritte von Nikola Tesla (dessen Forschungen manche für den Tunguska–Zwischenfall verantwortlich machen wollten), Bela Lugosi und Groucho Marx.

Die Figuren sind also damit konfrontiert, daß sie in einer Zeit leben, in der eine Ära zuende ging, die von Sicherheiten und dem Glauben an feststehende Gewißheiten geprägt gewesen war:

"these folks are mostly just trying to pursue their lives. Sometimes they manage to catch up; sometimes it’s their lives that pursue them."

"Diese Leute versuchen größtenteils nur, ihrem Leben nachzugehen. Manchmal holen sie auf, machmal ist es ihr Leben, das sie verfolgt." — währenddessen, so Pynchon höchst selbstironisch, geht der Autor seinem üblichen Geschäft nach: Figuren hören damit auf, das zu tun, was sie gerade tun, um größtenteils dümmliche Lieder zu singen, merkwürdige Sexualpraktiken werden gepflegt, obskure Sprachen werden, nicht immer idiomatisch, gesprochen, tatsachenwidrige Ereignisse geschehen.

Wenn es nicht die Welt ist, so Pynchon, ist es das, was die Welt mit einer oder zwei geringfügigen Veränderungen sein könnte. Es gibt Leute (so Pynchon in einer Anspielung u.a. auf John Barth), die sagen, dass dies einer der Hauptzwecke der Literatur sei.

"Let the reader decide, let the reader beware. Good luck."

Wir können es kaum erwarten!
(23. Juli 2006)

"Alice’s Restaurant"

Henry Mu von Radio KCUF hat heute vorgeschlagen, man könne sich ja am Erscheinungstag des neuen Buches verabreden, etwas zusammen trinken, anschließend gemeinsam das Buch kaufen und beim Hinausgehen aus dem Buchladen "You can get anything you want at Alice’s Restaurant" singen. Grandiose Idee, aber der Mann wohnt in Washington, DC. Also, wenn es Pynchon–Fans in meiner näheren Umgebung gibt, bitte melden. Damit es nicht gar so schwer ist, hier schon mal der Text:

You can get anything you want at Alice’s Restaurant
You can get anything you want at Alice’s Restaurant
Walk right in it’s around the back
Just a half a mile from the railroad track
You can get anything you want at Alice’s Restaurant
Die ganze Geschichte gibt es hier: Alice’s Restaurant
(24. Oktober 2006)

Zwischen "Harry Potter" und "Startrek"?

Mittlerweile sei soviel verraten, dass die ersten Kapitel des Romans an Bord eines Luftschiffes spielen, das sich auf dem Weg zur Weltausstellung 1893 in Chikago befindet. Die Mannschaft nennt sich "The Chums of Chance", die, so enthüllt der bislang namenlose Erzähler dem Leser, bereits eine ganze Anzahl von Abenteuern an Bord ihres mit Wasserstoff betriebenen Luftschiffes "Invonvenience" erlebt hat ("The Chums of Chance at Krakatao, The Chums of Chance Search for Atlantis, The Chums of Chance in Old Mexico, The Chums of Chance and the Evil Halfwit").

Unter Verletzung der "Charter", die man sich gegeben hat, sozusagen einer Obersten Direktive, hat man sich wohl auch gelegentlich in die Angelegenheiten von Lokalitäten eingemischt, wo man gelandet war . . . wir haben es also offensichtlich wieder mit einem Erzähler zu tun, der diese Abenteuer, eine Art Startrek–Abenteuerserie aus dem letzten Jahrhundert, erzählt. Die Frage, wer diese Schmöker liest und wie das alles zu den in der vom Autor selber verfassten Ankündigung getätigten Aussagen passt — dies kann zur Zeit noch nicht beantwortet werden. Eine andere Oberste Direktive verhindert es sozusagen!
(13. November 2006)

Der Mann mit dem gelben Laster

Es ist wie verfrühte Weihnachten, der Mann mit dem gelben Laster, der einen ansonsten verfolgt oder unzeitgemäß weckt, hat das Buch gebracht!
(20. November 2006)

Bombenstimmung hier: die soziale Frage

Verschiedene Kritiker und Leser haben die Frage gestellt, mit welchem von Pynchons früheren Romanen das neue Buch am ehesten zu vergleichen ist. Sieht man sich das knappe, aber komplexe Werk Pynchons an, so lassen sich, nach der Lektüre des ersten Teils "The Light Over the Ranges" jedenfalls, und noch recht oberflächlich betrachtet, vielleicht am ehesten gewisse Parallelen zu "Vineland" und "Mason & Dixon" ziehen.

Da ist der alleinerziehende Vater Merle Rideout, der an Zoyd Wheeler erinnert und da ist der Anarchist Webb Traverse, dessen weibliche Nachfahren eine gewisse Affinität für die "andere Seite" zu haben scheinen. Überhaupt der Anarchismus und das Bombenwerfen, der Roman ist voll davon. Die Haymarket Bombe vom 4. Mai 1886 wird früh im Roman erwähnt, und Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich–Este, dessen Ermordung durch einen Anarchisten am 28. Juni 1914 den Ersten Weltkrieg auslösen sollte, hat früh im Roman einen Auftritt, als er die Weltausstellung in Chicago 1893 besucht. Was wäre geschehen, wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn die von den Behörden so gefürchteten Anarchisten (25) es in der Tat zuwege gebracht hätten, den österreichischen Thronfolger elf Jahre eher als tatsächlich geschehen umgebracht hätten? Und könnte ein Satz wie: "Antiterrorist security now more than ever will be of the essence here" (25) nicht aus einer beliebigen Politikerrede nach dem 11. September 2001 stammen?

Schon die den Roman eröffnenden Luftschiffer gelangen zu der Erkenntnis, wie sehr der moderne Staat einen permanenten Zustand der "Belagerung" zu seinem Funktionieren verlangt:

"As the ordeal went on, it became clear to certain of these ballonists, observing from above and poised ever upon a cusp of mortal danger, how much the modern State depended for its survival on maintaining a condition of permanent siege — through the systematic encirclement of populations, the starvation of bodies and spirits, the relentless degradation of civility until citizen was turned against citizen, even to the point of committing atrocities (…)." (19)

Ein Schelm, wer dabei an den Nahen Osten denkt, an die permanente Belagerung der Palästinenser durch die israelische Armee und die im Gegenzug begangenen Selbstmordattentate, an den mittlerweile permanenten Krieg gegen den Terror oder all’ die neuen Überwachungsgesetze, die in beinahe allen westlichen Länder seit dem Attentat auf die Twin Towers in Kraft getreten sind und mittlerweile beinahe George Orwells Phantasien in den Schatten stellen.

Überhaupt setzt Pynchon in "Against the Day" jenen merkwürdigen Schreibstil fort, der es unglaublich schwer macht, gewisse politisch anmutenden Sätze abschließend und endgültig zu deuten, der schon in seinem Vorwort zur Neuauflage von George Orwells "1984," The Road to 1984 zu finden war. Auf den ersten Blick beziehen sich manche Aussagen direkt und konkret auf bestimmte historische Perioden, liest man diese Passagen jedoch aus dem Zusammenhang gerissen, so machen sie unmittelbar und ebenso direkt aktuell politisch Sinn:

"Now, those of fascistic disposition—or merely those among us who remain all too ready to justify any government action, whether right or wrong—will immediately point out that this is prewar thinking, and that the moment enemy bombs begin to fall on one’s homeland, altering the landscape and producing casualties among friends and neighbours, all this sort of thing, really, becomes irrelevant, if not indeed subversive. With the homeland in danger, strong leadership and effective measures become of the essence, and if you want to call that fascism, very well, call it whatever you please, no one is likely to be listening, unless it’s for the air raids to be over and the all clear to sound."
(The Guardian, Saturday May 3, 2003)

Wie wir es von Thomas Pynchon gewohnt sind, scheinen auch in "Against the Day" die Sympathien des Autors, auf den ersten Blick jedenfalls, stets auf der Seite jener "Schafe zweiter Wahl" zu liegen, den bei der Erlösung Übergangenen und Uneingeweihten, die uns bereits auf der ersten Seite von Gravity’s Rainbow begegnet waren. Doch sollte man bei all’ der antikapitalistischen Grundstimmung keinen sozialistischen Realismus von Pynchon erwarten; schließlich war auch "Vineland" weniger eine Hymne auf als ein Abgesang an die Hippies, und so macht Lake Traverse, die Vorfahrin seiner weiblichen "Vineland"–Heldin Frenesi Gates, eben den gleichen "Fehler" wie ihre Urenkelin. Man bekommt den Eindruck, als sei jene fatale Anziehungskraft des brutalen Klassenfeindes ein Muster, dem sich Pynchons Heldinnen bis hin zu Frenesis Tochter Prairie in "Vineland" nicht einfach entziehen können. Oder erfahren wir in "Against the Day" nur den Ursprung jenes unterbewußten Verhaltensmusters, dem Frenesi, Prairie und Lake nicht widerstehen konnten?

Wofür aber stehen Frenesi Gates und Lake Traverse? Sind sie, wie manche vermuten, eine Metapher Pynchons für Amerika, das frühe Amerika jener Verheißung, die versprochen hatte, den Ungerechtigkeiten des Alten Kontinents zu entsagen, die aber bereits zu dem Zeitpunkt, als sie in Amerika Worte gegossen wurde, gebrochen worden war?

Wie wir schon in "Gravity’s Rainbow" gelernt haben, ist der Tod im Westen größtenteils rationalisiert. Die "Chums of Chance" erhalten während ihres Anflugs auf Chicago, die Stadt der Schlachthöfe, die eine sensible Seele zum Vegetarier machen kann, eine Lektion über Ordnung und Entropie sowie die negative Seite der Aufklärung. Sie haben die großen Rinderherden in der Freiheit und der Weite der Prärie gesehen und riechen, hören und sehen jetzt:

"the smell and the uproar of flesh learning its mortality (…) that unshaped freedom being rationalized into movement only in straight lines and at right angles and a progressive reduction of choices, until the final turn through the final gate that led to the killing–floor." (10)

Und es ist jener Blickwinkel von oben, den die "Chums of Chance" auf diese Welt haben, den der Leser mit dem Autor teilen kann, wenn er sich darauf einläßt. Aber es gilt stets die Oberste Direktive, sich nicht in lokale Angelegenheiten einzumischen. Doch dagegen wurde schon so oft verstoßen.

Und vielleicht ist es auch gar nicht gut, immer im entscheidenden Moment so wie Ray Ipsow wegzuschauen, der den gutmütigen Professor Vanderjuice zum Erschurken Scarsdale Vibe begleitet, aber in dem Moment den Raum verläßt — und darum nicht Zeuge davon wird — als die Wissenschaft ein korruptes Bündnis mit dem Kapital eingeht, obwohl er es geahnt hatte. Der sozialistischen Forderung "Jedem nach seinen Bedürfnissen" wird vom Kapital widersprochen:

"That’s not the way it works," said Scarsdale Vibe.
"So we always hear the plutocracy complaining."
"Out of a belief, surely fathomable, that merely to need a sum is not to deserve it."
"Except that in these times, ‘need’ arises directly from criminal acts of the rich, so it ‘deserves’ whatever amount of money will atone for it. Fathomable enough for you?"
"You are a socialist, sir."
"As anyone not insulated by wealth from the cares of the day is obliged to be. Sir." (32)

Die hypothetische Möglichkeit, ein für alle Menschen der Welt kostenloses, auf den Forschungen Nikola Teslas beruhendes Energiesystem zu entwickeln, ist nichts, was dem Kapital gefallen könnte, denn das würde ja keine Rendite bringen, und darum geht es doch in der Geschichte der modernen Welt:

"To put up money for research into a system of free power would be to throw it away, and violate—hell, betray—the essence of everything modern histoy is supposed to be. (…) If such a thing is ever produced (…) it will mean the end of the world, not just ‘as we know it’ but as everyone knows it. It is a weapon (…) the most terrible weapon the world has seen, designed to destroy (…) the very nature of exchange, our Economy’s long struggle to evolve up out of the fish–market anarchy of all battling all to the rational systems of control whose blessings we enjoy at present." (33–34)

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