Ottos Weblog Februar 2005

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Wednesday, February 02, 2005

Man kann über George W. Bush manchmal nur den Kopf schütteln, so wie das die Weltpresse heute tut, weil er mit seiner Weigerung, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzuerkennen, den Machthabern im Sudan weiterhin gestattet, mit dem Morden fortzufahren. Obwohl der Präsident die Vorgänge in Darfur selbst als Völkermord bezeichnet hat, kann er aus Angst, der Gerichtshof könnte irgendwann einmal US-amerikanische Soldaten oder Agenten der CIA vor Gericht stellen, nicht zulassen, daß eine entsprechende UN–Resolution zustande kommt, die den Fall an den Internationalen Gerichtshof verweist und die sudanesische Regierung mit Strafe bedroht. Das findet sogar die NEW YORK TIMES:

Mr. Bush’s worry is that if the International Criminal Court is legitimized, American officials could someday be dragged before it. The court’s supporters counter that safeguards make that impossible. Reasonable people can differ about the court, but for Mr. Bush to put his ideological opposition to it over the welfare of the 10,000 people still dying every month in Darfur — that’s just madness.
The issue arises partly because the Bush administration, to its credit, pushed the U.N. to investigate Darfur and to seek accountability for the killers. The result was a U.N. commission’s 176-page report, released this week, that documents a series of crimes against humanity: people in Darfur crucified or thrown into fires, victims having their eyes gouged out or being dragged on the ground by camels, women and girls kept naked in rape camps, huts burned with children inside, and women forced to hand over their baby sons to be killed.
"It is undeniable that mass killings occurred in Darfur and that the killings were perpetrated by the government forces" and by a government–sponsored militia, the report said.
Why Should We Shield the Killers? – by Nicholas D. Kristof.
Als Europäer darf man es ja gar nicht so scharf formulieren, sonst gilt man gleich wieder als anti–amerikanisch. Aber ganz normal ist diese Paranoia nicht, oder der Mann will nicht ausschliessen, daß es in Zukunft notwendig sein könnte, das Völkerrecht unter Umständen zugunsten der Staatsraison zu brechen. Wenn es der US–Regierung nicht gelingt, andere Mitglieder des Sicherheitsrates dazu zu bringen, ebenfalls gegen die Resolution zu stimmen, wird die Resolution vielleicht durchgehen, so folgert Kristof aufgrund seiner Gepräche mit Diplomaten, weil Bush wahrscheinlich den Prestigeverlust vermeiden will, der dadurch entstehen würde, daß die USA als einziges Land gegen eine überwältigende Mehrheit in der Staatengemeinschaft von ihrem Vetorecht Gebrauch macht. Die USA könnten sich allerdings auch bei der Abstimmung ohne Gesichtsverlust der Stimme enthalten,. Dann würden sie die Strafverfolgung nicht behindern, ihrerseits den Gerichtshof aber auch nicht anerkennen:
The Bush administration is also struggling to find other Security Council members who would join it in voting against the referral to the International Criminal Court. I hope other countries stand firm, because my conversations with diplomats suggest that if the U.S. stood alone in opposition, the Bush administration would be too ashamed to exercise its veto and might abstain instead.

Wednesday, February 09, 2005

Der heutige Eintrag widmet sich einer genialen Webseite, die sich dem kreativen Umgang mit Sprache widmet, der "Gesellschaft zur Stärkung der Verben," wo mir am besten die "Haikos" und "Haikous" gefallen haben. Hier ein paar Beispiele:

Blutdürstiger Klingone

Schliff’ schärfer ich
des Batleths Schneide, leichter
spält’s des Gegners Haupt.

Andreas M. Cramer

Besorgte Borg

Assimilören
wir nicht genug, wir müssten
uns Drohnen borgen.

Kilian Evang

Unsere Kinder werden den Asteroiden "2004 MN4," der die Erde am 13. April 2029 in dem relativ geringem Abstand von 36350 Kilometern passieren (und uns nicht treffen) wird, mit bloßem Auge sehen können. Dies berichten verschiedene Quellen heute. Vielleicht machen sich die Menschen dann ja mal Gedanken über die Zerbrechlichkeit unseres Heimatplaneten.

Thursday, February 10, 2005

Die Ankündigung der Deutschen Bank, trotz eines Rekordgewinns und einer Steigerung der an die Aktionäre ausgezahlten Dividende in Deutschland und im ausland massive Stellenstreichungen vorzunehmen, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, der sich auch beinahe eine Woche nach der Ankündigung nicht gelegt hat. Politiker der Grünen und der SPD haben sogar zu einem Boykott der Deutschen Bank aufgerufen, was als Gegenreaktion die Warnung von Schadenersatzklagen provoziert hat. Ich möchte die Diskussion "bewahren" und habe daher als erstes ein paar Stimmen aus der Presseschau des Deutschlandfunks von Freitag, 04. Februar 2005 07:05 Uhr und Samstag, 05. Februar 2005 07:05 Uhr gesammelt. Zeitungsredakteure und Kommentatoren sind ja keine ausgewiesenen Wirtschaftsfachleute, sonst wären sie bei der Deutschen Bank angestellt und nicht bei einer Zeitung. Aber sie stellen doch ein gewisses "öffentliches Gewissen" dar, wenn es um solche Fragen wie Wirtschaftsethik geht:

"Zurück bleibt Ratlosigkeit", konstatiert die OFFENBACH-POST: "War nicht tags zuvor das Hohelied der Reformen gesungen worden als Wundermittel gegen den todkranken Arbeitsmarkt? Was sollen denn neues Steuerrecht, niedrigere Sozialabgaben, flexibleres Tarifrecht, weniger Bürokratie, beschäftigungsfördernde Lohnpolitik, weniger Staatsschulden und Subventionsabbau bewirken, wenn selbst Unternehmen mit Rekordbilanzen Belegschaften nur als Kostenfaktor sehen – und entsorgen?" – (04.02.05)
Ich denke, es sind die richtigen Fragen, die hier gestellt werden, denn niemand wird den einfachen Menschen, die vom sozialen Abbau betroffen sind, den Hartz–IV–Opfern, die mit 345 Euro pro Monat abgespeist werden, dieses wirtschaftliche Handeln noch vermitteln können.

Für die Ankündigung, mehrere tausend Stellen zu streichen, erntet Deutsche-Bank-Chef Ackermann weiterhin zum Teil deutliche Kritik - so auch in den NÜRNBERGER NACHRICHTEN: "Wo Gewinn so ungeniert auf Kosten der Mitarbeiter erwirtschaftet, wo die Rendite des Kapitals und der Shareholdervalue zum Götzen wird, sind die Grenzen des Anstands und der Moral überschritten. Die des Grundgesetzes auch, das in Artikel 14 unmissverständlich fordert: ‘Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.’ Dass Allgemeinheit mehr meint als die Aktionäre, ist gewiss doch das schert einen schrankenlosen Kapitalismus nicht, der Arbeitsplatzvernichtung mit steigenden Aktienkursen belohnt und die Ackermänner und von Pierers als Börsenlieblinge feiert", unterstreichen die NÜRNBERGER NACHRICHTEN. – (05.02.05)
Ach ja, und dann ist da noch der Hinweis auf das Grundgesetz, das nackten Manchester–Kapitalismus mit Artikel 14 verhindern soll. Leider kann niemand aus diesem Artikel ein Klagerecht gegen irgendjemanden ableiten, es ist also nur eine Worthülse.

"Ackermann tut nichts anderes, als die Beschäftigung in einem Land in das Belieben der Finanzmärkte zu stellen", stellt die STUTTGARTER ZEITUNG fest und fährt fort: "Das darf nicht sein, denn die daraus folgende Konsequenz wäre fatal: Die Tarifparteien und die Regierung könnten all ihre Bemühungen einstellen, die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Denn in Ackermanns Welt gibt es keine Jobs, zu deren Sicherung sich etwas beitragen ließe. Er wirft jetzt 6.400 Beschäftigte raus, um sein willkürliches Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern zu erreichen. Später wird er halt eine Zielmarke von 35 Prozent vorgeben und weitere Stellen streichen", befürchtet die STUTTGARTER ZEITUNG. – (05.02.05)
Und das ist genau das Problem: es gibt in dieser virtuellen Finanzwelt kein anderes Ziel als die Maximierung der Gewinne. Die Menschen, die die eigentliche Arbeit tun, sind zu puren Kostenfaktoren reduziert worden, über die man beliebig wie über ein Aktienpaket verfügen kann. Das ist in höchstem Maße unethisch und gehört nach unserem Grundgesetz verboten. Da das jedoch angesichts der politischen Verhältnisse in diesem Land aber unmöglich ist, desavouiert das Verhalten der politischen Klasse in unserem Land, die sich ungeniert von der Wirtschaft schmieren läßt, unsere gesamte Werteordnung. Und alle Deutschen haben dagegen nach dem Grundgesetz das Recht zum Widerstand.

Die in Weimar erscheinende THÜRINGISCHE LANDESZEITUNG kommt zu folgendem Schluss: "Die Deutsche Bank kämpft nicht ums Überleben, sie kämpft darum, die Rendite aufzustocken und die Aktionäre zufrieden zu stellen. Ein solcher Kurs muss auch der Politik zu denken geben. Lohnnebenkosten runter — zumindest die Großkonzerne streichen diese Wohltaten des Staates kommentarlos ein und desavouieren alle Unternehmer; auch diejenigen, die wirklich um ihr Unternehmen kämpfen und die sich selbst den Lohn zusammenstreichen, um ihre Mitarbeiter auszahlen zu können. Auch solche Unternehmer gibt es — und es sind nicht wenige. Soziale Verantwortung muss man eben leben. Und das heißt auch: In Arbeitsplätze investieren, wenn es der Firma gut geht. Sonst kommt die Konjunktur nicht in Schwung", notiert die THÜRINGISCHE LANDESZEITUNG. – (05.02.05)
Es ist die Kurzsichtigkeit jener sogenannten Wirtschaftsfachleute, die nur die Rendite kennen, die mich erschüttert. Nach wie vor ist die deutsche Wirtschaft "Exportweltmeister," woran die Konjunktur aber krankt, ist die mangelnde Binnennachfrage. Deshalb liegt das Wirtschaftswachstum unter dem europäischen Durchschnitt. Und während auf der einen Seite die Politik die Leute noch ärmer macht und ihnen das Geld aus der Tasche zieht, wo es geht, schafft es auf der anderen Seite die Wirtschaft nicht, trotz der günstigen Rahmenbedingungen, die von der Politik geschaffen worden sind, Arbeitsplätze anzubieten. Das aber ist ihr Teil der Gleichung. Wenn sie dazu nicht bereit oder imstande ist, kann der Staat über kurz oder lang gar nicht anders, als die Steuern auf Unternehmensgewinne zu erhöhen. Es kann nicht darum gehen, die allgemeine Höhe der Löhne auf polnisches oder tschechisches Niveau abzusenken. Das ist weder dem Preis– noch dem Mietgefüge hierzulande angemessen. Die Politik aber muß rechtzeitig eingreifen, wenn die Wirtschaft beginnt, mit dem sozialen Frieden im Land —wie schon einmal vor 70 Jahren— zu spielen. Insofern sind auch die Aschermittwochsattacken von Bayerns Ministerpräsident Stoiber gegen die Regierung ziemlich verlogen. Denn es ist nicht die Regierung, die Arbeitsplätze schaffen kann. Die Politik (auch die Opposition) sollte lieber die Großwirtschaft ins Visier nehmen, wenn es ihr wirklich darum geht, die Rechtsradikalen aus den Parlamenten rauszuhalten.

Der SPIEGEL berichtet heute von einem Interview, das IG Metall–Chef Jürgen Peters der "Bildzeitung" gegeben hat. Er formuliert seine Kritik natürlich drastisch:

"Die Gewinnmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit ist Verrat an der Gesellschaft. Solche Firmen sollten wir ächten, die müssen moralisch an den Pranger."

"Einige Manager sind zu sozialen Autisten mutiert, die emotional völlig von ihren Belegschaften entfremdet sind und die Menschen nur noch als Kostenfaktor betrachten. Dabei sind gerade die Arbeitnehmer diejenigen, die die Gewinne erwirtschaften" DER SPIEGEL

Dieser Autismus offenbart sich beispielsweise in dem Unverständnis des Herrn Ackermann dafür, daß eine Steigerung des Gewinns um 87 Prozent sowie eine Erhöhung der Dividenden zu Entlassungen einfach nicht passen. Es ist leider zur traurigen Realität geworden, daß die Börse stets so reagiert, daß die Ankündigung von Entlassungen zu Kurssteigerungen führt. Wer aber garantiert den Anlegern, daß unter den Entlassenen nicht gerade die Mitarbeiter sind, die im vergangenen Jahr zu der Gewinnsteigerung durch ihre Arbeit beigetragen haben. Wer sagt ihnen, daß die Deutsche Bank ohne diese 6400 Menschen weltweit im nächsten Jahr noch genauso gut funktioniert?

Jegliche Kritik prallt letztlich daran ab, daß die Bank als "global player" gezwungen ist, diese Schritte zu unternehmen, um angeblich gegen feindlichen Übernahmen geschützt zu sein. Es ist jedoch genau umgekehrt, die Deutsche Bank wird Schritt für Schritt interessanter für internationale Spekulanten, wenn sie deren Spiel mitzuspielen versucht.

Nicht vergessen wollen wir, daß Herr Ackermann im vergangenen Jahr bereits höchst unappetitliche Schlagzeilen produziert hat, als er im Mannesmann–Prozeß freigesprochen worden ist, obwohl ihm Verstöße gegen das Aktiengesetz nachgewiesen worden waren:

"Wer versteht schon, dass die Angeklagten trotz massiver Verstöße gegen das Aktienrecht freigesprochen werden? Dass der Griff in die Firmenkasse bei Topmanagern anders gewertet wird als beim Buchhalter?" SCHWÄBISCHE ZEITUNG, Freitag, 23. Juli 2004.

Saturday, February 12, 2005

Morgen ist der fünfzigste Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Allierten im Februar 1945. Nach dem Neonazi–Eklat im Sächsischen Landtag laufen alle Politiker rum wie die Hühner, in deren Stall der Fuchs eingebrochen ist: kopflos, chaotisch und hysterisch. Keiner weiß, wie man dem Problem Herr werden soll, wie man darauf reagieren soll. Ebenso weiß niemand so recht, wie man mit einem solchen Jahrestag umgehen soll. Wie kann man der Toten angemessen gedenken, wenn man nicht weiß, ob das Ereignis ein Verbrechen war oder nicht?

Für Neonazis ist das alles ganz einfach, daher ist es ganz angemessen, daß dies alles für Demokraten etwas schwieriger ist, denn die Realität ist nun einmal komplexer als uns das platte Schwarz–Weiß Weltbild der Faschisten Glauben machen will. Mit einer starren Opfer–Täter Opposition kommt man hier nicht weiter; ein solcher simpler Gegensatz ist nicht imstande, die Vielschichtigkeit der Geschichte widerzuspiegeln. Wozu eine solche begriffliche binäre Opposition nach den Erkenntnissen der postmodernen Philosophie aber trefflich taugt, ist die Mythenbildung. So fragt denn auch Christian Semler in der TAZ heute völlig zu recht, ob uns hier ein "neuer Opfermythos im Land der Täter" droht:

Das wäre eine fatale Diagnose, denn in weiten Teilen der neueren und neusten deutschen Geschichte hat der Opfermythos verheerende Wirkungen gezeitigt. Was ist darunter zu verstehen? Politische Mythen in ihrer modernen Wirksamkeit sind Erzählungen, die die Fakten, die sie verwenden, ihrer geschichtlichen Herkunft und Bedeutung entkleiden. Sie verwandeln sie zu quasi natürlichen Begebenheiten, zu vorgegebenen, schicksalhaften Grundbedingungen, die geschichtlichem Handeln vorausgesetzt sind. Das Opfer hingegen tritt in zweifacher Gestalt auf. Als Opfer, das man bringt, und als Opfer, als das man sich fühlt. (…) Von völkisch–konservativer Seite wurden solche Aufwallungen rasch umgedeutet ins bedingungslose Opfer für die künftige Größe des imperialen Deutschland. Man opferte sich, weil man sich als Opfer sah. Erst als Opfer der Erbfeindschaft zu Frankreich, dann der Einkreisungspolitik der Entente vor 1914, dann als Opfer von Erniedrigung und Knechtschaft im Gefolge des Versailler Vertrags, schließlich als Opfer der jüdisch–bolschewistischen Weltverschwörung. Diese diversen Opfer–Identifikationen wurden von ihrem historischen Kontext gereinigt, die Verantwortlichkeit des eigenen Landes für das Leid wurde ausgeblendet, die Opfer anderer Völker ignorierte man, die eigene Opferrolle setzte man absolut. Der Opfermythos ging Hand in Hand mit einer Feier militärischer Gewalt und des nationalen Machtstaats. Mit seiner Hilfe wollte man das Fatum wenden. Deutsche Brandopfer
Der Historiker Frederick Taylor erläutert im Interview, warum er den Angriff auf Dresden nach wie vor für gerechtfertigt hält (im Rahmen der Kriegshandlungen) und erinnert nicht nur an die vielen kriegswichtigen Fabriken in der Stadt (70000 Menschen arbeiteten hier für den "Endsieg") und die Zerstörung der kriegswichtigen Infrastruktur, sondern auch an das Schicksal der Juden in der Stadt:
Es gab hunderte von kriegswichtigen Firmen in Dresden. Ich habe nicht alle untersucht, das hätte zu lange gedauert. Aber ich wollte in meinem Buch das Bild von Dresden, der unschuldigen Stadt, in der nur kulturvolle Schöngeister lebten, korrigieren. Denn dort wurden Kugeln und Patronen produziert. Von Zwangsarbeitern. Ich habe eine Jüdin interviewt, die heute in Israel wohnt und damals dort arbeiten musste. Sie können die Perspektive dieser Frau nicht ausklammern. "Unmoralisch, aber nicht grundlos"
Wahrscheinlich wäre diese Frau nach Auschwitz deportiert worden, wenn der Angriff nicht stattgefunden hätte. An diesen Aspekt, der zumeist einfach vergessen wird, wenn sich die Täter in Opfer verwandeln möchten, erinnert auch Ernst Piper in der FRANKFURTER RUNDSCHAU:
Eine positive Wirkung hatte der schwere Bombenangriff in jedem Fall. Denn er zerstörte nicht nur den Bahnhof, sondern auch das in seinem Windschatten gelegene Gestapogebäude. Und für den 16. Februar war eine weitere Deportation angesetzt worden. Victor Klemperer beschreibt in seinen Tagebüchern, wie er die Anweisungen zum "auswärtigen Arbeitseinsatz" verteilen musste. Jeder wusste, dass diese Marschbefehle den Tod bedeuteten. Doch am 14. Februar existierte die örtliche Gestapo nicht mehr, die Akten waren verbrannt, und die Deportation fiel aus. Henny Brenner schreibt in ihren Lebenserinnerungen: "Für uns war der Angriff, so makaber das klingt, die Rettung, und genauso empfanden wir ihn auch." 773 Lancaster
Eine angemessene Methode, mit dem Jahrestag umzugehen, wäre für mich, Kurt Vonneguts Roman "Schlachthof 5" noch einmal zu lesen. Vonnegut, der den Angriff auf die Stadt als Kriegsgefangener er– und überlebte, erzählt in diesem wahrlich postmodernen Science–Fiction Roman die Geschichte von Billy Pilgrim, der wie sein Autor ebenfalls die Bombardierung überlebt. Aber er hat noch ganz andere Probleme und ist noch ganz anderen Mächten ausgeliefert. Beispielsweise ist sein persönlich erlebter Zeitablauf nicht linear. Er springt in der Zeit hin und her und das hat wiederum damit zu tun, daß er gelegentlich von Außerirdischen entführt wird, die außerhalb unseres Raum–Zeit-Kontinuums existieren. Hier ist meine Lieblingsstelle:
Billy blickte auf die Uhr am Gasherd. Er mußte eine Stunde totschlagen, bis die Untertasse kam. Er ging ins Wohnzimmer (…) und schaltete den Fernsehapparat an. Er war ein wenig losgelöst von der Zeit, sah den letzten Film rückwärts, dann wieder vorwärts. Es war ein Film über amerikanische Bombenflugzeuge im Zweiten Weltkrieg und die tapferen Männer, die sie flogen. Rückwärts von Billy gesehen, spielte sich die Geschichte folgendermaßen ab:

Amerikanische Flugzeuge, voll von Einschüssen, Verwundeten und Leichen starteten rückwärts von einem Flugplatz in England. Über Frankreich flogen einige deutsche Kampfflugzeuge rückwärts auf sie zu, saugten Geschosse und Granatsplitter von einigen Flugzeugen und den Besatzungen auf. Sie taten dasselbe bei abgestürzten amerikanischen Bombern auf dem Boden, und diese Flugzeuge stiegen rückwärts auf, um sich zu ihrem Verband zu gesellen.

Der Verband flog rückwärts über eine in Flammen stehende deutsche Stadt. Die Bomber öffneten ihre Bombenklappen, wandten einen wunderbaren Mechanismus an, der die Feuer eindämmte, sammelten sie in zylindrischeStahlbehälter ein und hievten die Behälter in das Fahrwerk der Flugzeuge. Die Behälter wurden sorgfältig in Gestelle verstaut. Die Deutschen unten hatten ihre eigenen wundersamen Vorrichtungen, die lange Stahlrohre waren. Sie benutzten sie, um noch mehr Bruchstücke von den Besatzungsmannschaften und den Flugzeugen aufzusaugen. Es blieben aber noch ein paar verwundete Amerikaner, und einige Bomber waren in schlechtem Zustand. Über Frankreich stiegen jedoch wieder deutsche Kampfflugzeuge auf und machten alles und jedermann so gut wie neu.

Als die Bomber zu ihrem Stützpunkt zurückkamen, wurden die Stahlzylinder aus den Gestellen genommen und zurück in die Vereinigten Staaten von Amerika verfrachtet, wo Fabriken Tag und Nacht damit beschäftigt waren, die Zylinder zu demontieren und den gefährlichen Inhalt in Mineralien zu scheiden. Rührenderweise waren es hauptsächlich Frauen, die diese Arbeit verrichteten. Die Mineralien wurden dann zu Spezialisten in abgelegene Gebieten verschifft. Es war ihre Aufgabe, sie im Boden zu vergraben, sie geschickt zu verstecken, so daß sie niemandem mehr Schadenzufügen konnten.

Die amerikanischen Flieger gaben ihre Uniformen ab, wurden wieder Hochschüler. Und Hitler verwandelte sich in ein Baby, vermutete Billy Pilgrim. Das kam im Film nicht vor. Billy stellte weitere Berechnungen an. Jedermann verwandelte sich in ein Baby, und die ganze Menschheit, so mutmaßte er, tat sich biologisch zusammen, um zwei vollendete Menschen, Adam und Eva, hervorzubringen. — Kurt Vonnegut jr.: "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug", p. 75–77. Reinbek bei Hamburg, 1972.

Frederick Taylor Schlachthof 5 Sloughterhouse 5

Tuesday, February 15, 2005

Alba das leuchtende Kaninchen Webseite des Tages ist für mich heute die Seite eines Genetikers, der ein fluoreszierendes Kaninchen geschaffen hat. Natürlich ist das Kaninchen nicht lila, sondern grün, aber ich finde es so hünscher: http://www.ekac.org/gfpbunny.html#gfpbunnyanchor

Wednesday, February 16, 2005

Das könnte den Rechten so passen, daß Joschka Fischer wegen der sogenannten Visaaffäre zurücktritt. Natürlich war die massenhafte Visaerteilung ein ideologisch bedingter Fehler der Grünen, aber doch der ganzen Partei und nicht nur ihres prominentesten Politikers. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Schleswig–Holstein und Nordrhein–Westfalen versuchen CDU/CSU selbstverständlich, im Trüben zu fischen und mit dem Argument der "Überfremdung" (auch wenn sie das Wort bewußt nicht in den Mund nehmen) aus der Tatsache, daß Schleuser und Menschenhändler von der neuen Offenheit der EU profitiert haben, politisches Kapital zu schlagen.

Viel interessanter finde ich, daß anscheinend ein ungeheurer Bedarf an Prostituierten bestanden haben muß, sonst würde sich das Geschäft für die Schleuser und Zuhälter ja nicht rentieren. Daraus ergeben sich einige Fragen: gibt es nicht mehr genug deutsche Frauen, die bereit sind, diesem Gewerbe nachzugehen oder mangelt es ihnen an der für den Job nötigen "Hingabe" und liefern sie vielleicht nicht mehr die "Qualität," wie sich deutsche Freier das so vorstellen und wünschen? Oder gibt uns das Internet–Pseudonym "Paolo Pinkel" einen Hinweis darauf, daß man bei osteuropäischen (Zwangs?) Prostituierten Praktiken ausleben kann, die die eigene Freundin oder Ehefrau nicht mitmachen möchte und für die man bei deutschen Prostituierten sehr viel Geld bezahlen müßte? Wer sind eigentlich die Kunden dieser zahlreichen neuen Prostituierten? Eventuell die politischen Freunde und Wähler derjenigen, die jetzt Fischer den Garaus machen möchten?

Jedenfalls kenne ich (als Taxifahrer) kein Bordell oder keinen Club, in dem heute nicht vorrangig Frauen aus den Ländern des ehemaligen Sowjetimperiums anschaffen. Der Billigstrich in tschechischen Grenzstädten war schon vor Jahren Thema von kritischen Berichten, aber hierzulande sind die Preise für Prostitution, in kleinbürgerlichen Städten zumindest, nicht unbedingt gesunken, so daß man befürchten muß, daß diese Frauen tatsächlich mehr ausgebeutet werden als dies in dem Gewerbe ohnedies üblich war und ist. Und die Kunden, die ich zu ihnen fahre, würde ich nicht unbedingt als typische Wähler der Grünen einordnen, so daß ich geneigt bin, die ganze Aktion als typisches Wahlkampfgetöse abzutun.

Insgesamt gesehen finde ich es schon traurig, daß Menschen gezwungen sind, ihren Körper zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu fristen. Leider ist der ehemalige Ostblock völlig ohne Übergangsregelungen in den nackten Kapitalismus entlassen worden, so daß wir uns angesichts der vorherschenden Armut nicht wundern dürfen, daß junge Frauen sich für so wenig verkaufen und Schleusern, Menschenhändlern und Zuhältern auf den Leim gehen beziehungsweise gegen ihren Willen in deren Gewalt gelangen und zur Prostitution gezwungen werden.

Ein Vorteil der Literatur ist, daß man sich ungestraft Gedanken machen und sie seinen Protagonisten in den Mund legen kann, die man ansonsten kaum äußern könnte. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat sich dem Thema in seinem umstrittenen Roman "Plattform" (2001) gewidmet:

"Also", (…) "auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, außer daß sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden: Sie suchen unablässig, aber sie finden nichts, und sie sind darüber unglücklich bis auf die Knochen. Und auf der anderen gibt es mehrere Milliarden Menschen, die nichts haben, kläglich verhungern, jung sterben, unter ungesunden Bedingungen leben und nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihren Körper und ihre intakte Sexualität. Das ist einfach, wirklich einfach zu begreifen: Das ist die ideale Tauschsituation. Das Geld, das man damit verdienen kann, ist kaum vorstellbar: mehr als mit der Informatik, mehr als mit den Biotechniken, mehr als mit der Medienindustrie; es gibt kaum einen Wirtschaftsbereich, der sich damit vergleichen läßt." — Michel Houellebecq: "Plattform", Reinbek bei Hamburg 2003.

Saturday, February 19, 2005

Smooth Criminal

Über den Michael Jackson–Fall habe ich mir überhaupt noch keine Meinung gebildet. Zum einen bin ich an den sogenannten "Celebrities", den Schönen und Reichen dieser Welt, nicht sonderlich interessiert und musikalisch hat Jackson seine besten Jahre sicherlich schon lange hinter sich. Natürlich habe ich einige seiner Hits in den Achtzigern selbst auch gespielt, als ich noch Platten in der Disco aufgelegt habe, aber das ist doch gut zwanzig Jahre her und danach habe ich von ihm nie wieder solche Qualität wie auf den Alben "Thriller" und "Bad" gehört. Zum anderen habe ich keine sonderlich hohe Meinung vom amerikanischen Rechtssystem. Einmal abgesehen vom O.J. Simpson–Fall, der die Frage aufwirft, ob ein Superstar in den USA überhaupt einen fairen Prozeß, zur einen oder zur anderen Seite, erwarten kann, ist da noch die Tatsache der Medienrealität überhaupt. Objektiv gesehen unterscheidet sich doch für den Zuschauer ein solcher Fall in Nichts von einer Fiktion, und warum sollten die Geschworenen in einer besseren Position sein, wenn ihnen zwei geschickte Prozeßregisseure den gleichen Film aus zwei völlig entgegengesetzten Perspektiven präsentieren.

Ich war bisher davon ausgegangen, daß es letztlich wohl darauf hinauslaufen würde, daß man sich dafür entscheiden muß, entweder der einen oder der anderen Seite zu glauben. Ich dachte, daß die objektive Beweislage relativ dünn sein dürfte, daß es außer Indizien nur die Zeugenaussagen der Betroffenen gibt, so daß es am Ende auf den klassischen Fall von Aussage gegen Aussage hinauslaufen würde. Nun stehen aber seit zwei Tagen große Teile der Prozeßakten bei THE SMOKING GUN im Internet und man kann versuchen, sich selbst ein Bild zu machen:

The complete grand jury transcript runs 1903 pages and includes the testimony of 41 witnesses, including the alleged victim and six members of his family, several Jackson employees and associates, flight attendants, child welfare officials, four lawyers, one clinical psychologist, and a comedy club owner. (…) you’ll find the complete testimony given last spring by the alleged victim, his younger brother, sister, and mother. The Transcript
Weiterhin findet man auf der Seite den Jackson–Mugshot sowie einige wirklich beunruhigende Geschichten über Beweise, die bei einer Hausdurchsuchung festgestellt wurden und bei mir gewisse Zweifel wecken, ob der gute Michael nicht doch . . . ich denke mal, daß es gar nicht so leicht für seine Anwälte sein wird, die Jury von seiner Unschuld zu überzeugen. Eigentlich sollte es zwar anders herum sein, in dubio pro reo, aber da eine Jury und keine Berufsrichter entscheiden, bin ich eher skeptisch.

Im GUARDIAN findet sich ein lesenswerter Kommentar zur Rolle des linken Intellektuellen unter den –na, ich sag’ mal– verschärften Bedingungen des seit dem 11. September 2001 herrschenden puritanisch–kapitalistischen Neo–Imperialismus:

From my communist youth, I still remember the formula, endlessly repeated in official proclamations to mark the "unity of all progressive forces": "workers, peasants and honest intellectuals" — as if intellectuals are, by their very nature, suspicious, all too free–floating, lacking a solid social and professional identity, so that they can only be accepted at the price of a special qualification.

This distrust is alive and well today, in our post–ideological societies. The lines are clearly drawn. On the "honest" side, there are the no–nonsense experts, sociologists, economists, psychologists, trying to cope with the real-life problems engendered by our "risk society", aware that old ideological solutions are useless. Beyond, there are the "prattling classes", academics and journalists with no solid professional education, usually working in humanities with some vague French postmodern leanings, specialists in everything, prone to verbal radicalism, in love with paradoxical formulations that flatly contradict the obvious.
(…)
On September 11 2001, the Twin Towers were hit. Twelve years earlier, on November 9 1989, the Berlin Wall fell. November 9 announced the "happy 90s", the Francis Fukuyama dream of the "end of history", the belief that liberal democracy had, in principle, won, that the search is over, that the advent of a global, liberal world community lurks just around the corner, that the obstacles to this Hollywood happy ending are merely contingent — local pockets of resistance where leaders did not yet grasp that their time was over. By contrast, 9/11 is the symbol of the end of the Clintonite happy 90s, of an era in which new walls are emerging everywhere, in the West Bank, around the European Union, on the US-Mexico border. The prospect of a new global crisis is looming: economic breakdowns, military and other catastrophes, states of emergency.
The ruling ideology appropriated the September 11 tragedy and used it to impose its basic message: it is time to stop playing around, you have to take sides — for or against. This, precisely, is the temptation to be resisted: in such moments of apparent clarity of choice, mystification is total. Today, more than ever, intellectuals need to step back. Are we aware that we are in the midst of a "soft revolution", in the course of which the unwritten rules determining the most elementary international logic are changing?
(…)
Recall the old story about a worker suspected of stealing. Every evening, when he was leaving the factory, the wheelbarrow he was rolling in front of him was carefully inspected, but it was always empty — till, finally, the guards got the point: what the worker was stealing were the wheel-barrows themselves. This is the trick that those who claim today "But the world is none the less better off without Saddam!" try to pull on us: they forget to include in the account the effects of the very military intervention against Saddam. Yes, the world is better without Saddam — but it is not better with the military occupation of Iraq, with the rise of Islamist fundamentalism provoked by this very occupation. The guy who first got this point about the wheelbarrow was an arch-intellectual.

Slavoj Zizek, is senior researcher in philosophy at the University of Ljubljana, and co–director of the Centre for Humanities, Birkbeck College, London; his most recent book is Iraq: The Borrowed Kettle The Empty Wheelbarrow

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